Die letzten Schritte in Aberdeen

4. Dezember 2003, 20:23
posten

Ilse Aichingers Schattenspiele - Teil drei

Im späten November, schon eine Weile nach oft zu euphorisch geplanten und danach mehr oder minder geglückten Sommerferien, könnte man sich an das Zitat von John Milton erinnern, das Freud seiner Traumdeutung voranstellen wollte:

"Let us consult/ What reinforcement we may get from hope/ If not what resolution from despair".

Ziemlich früh, noch weit entfernt von allem, auch von "hope" und "despair", half mir ein Spiel über Zwischenzustände, Attacken von Langeweile und den Wunsch, wegzubleiben, hinweg. Es hieß das "Aberdeenspiel", eine Art Schäfchenzählen. Es grenzte an noch ältere Spiele mit Flüssen, Farben, Blumen. Und es grenzte vor allem an Aberdeen. Alphabetisch von Aachen und Aal über Amberg und Andernach, es ist ein offenes Spiel.

"Aberdeen" sah mit dem "Aber-" am Beginn einem Widerstand ähnlich. Es klang, als wäre es weit genug und es half und hilft noch immer zu neuen Denkmöglichkeiten und Aufbrüchen. Aberdeen im Nordwesten von Schottland: eine unauffällige Stadt, Eisenhütten, Stahlwerke und eine Universität. Alfred Adler, der immer im Schatten Sigmund Freuds stand, floh dort hin ins Exil.

Am 7. Februar 1870 wurde Alfred Adler, Sohn eines Getreidehändlers, in Wien geboren. Unsere Mutter interessierte sich für seine Individualpsychologie, er besuchte uns. Am Vorabend seines Todes am 28. Mai 1937, so berichtet seine Biographin Phyllis Bottome, habe er mit ihrem Mann den Film The Great Barrier im Kino angesehen. Am Tag darauf, beim üblichen Morgenspaziergang, sah ihn ein Mädchen und dachte: "Was für ein kräftiger alter Mann, Schritte wie ein Athlet!" Plötzlich glitt er aus; ein Student hörte den Sterbenden noch nach dem Namen seines Sohnes Kurt rufen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.11. 2003)

Share if you care.