Woran Riess-Passer wirklich scheiterte

13. Jänner 2004, 15:27
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Die Konsumenten von "News" müssen schon fürchterliche Entzugserscheinungen gehabt haben. Wie lange ist es nun her, seit kein Jörg Haider ...

... als Ladenhüter vor dem Fellnerschen Geschäft glänzte - zwei Wochen? Oder drei? Egal, jedenfalls viel zu lange, aber diese Woche ist der Bann der Haiderlosigkeit wieder gebrochen, und gleich doppelt. Die Haiders - Wie sie die FPÖ regieren verkündet die Flappe unter der neuen Parteiikone, die den Drahtzieher der FPÖ und seine geschäftsführende Obfrau in geschwisterlicher Umarmung darstellt.

Weder gab es für das Interview einen Anlass, noch erfährt man - über das hinaus, was jedermann ohnehin ahnt -, wie sie die FPÖ regieren. Wie immer steht neben dem Doppel-Interview ein Extrakt, in dem exakt das noch einmal steht, was im Interview steht, eine Erleichterung für die Leser, die längst wissen, dass sie sich den Konsum zumindest einer der beiden Textsorten schenken können.

Aber einiges wühlt doch auf. Zum Beispiel: Mit Haubner zeigt sich Haider nun auch, als ehemaliger Hauptkritiker sämtlicher FP-Chefs vor und nach ihm, zufrieden. Und das zu Recht, ist sie denn auch . . . heute keine Gefahr für ihn. Denn sie will ohnehin, was er will. Dazu muss man nicht unbedingt gescheiter werden: Sie, die Haider einst als "Plage" angesehen hatte, ist ihm heute bedingungslos ergeben. Bei anderen ist dieser Prozess in die umgekehrte Richtung verlaufen, weshalb der Bruder gar nicht anders kann: Er dankt es mit aufrichtigem Respekt, den er für andere oft so schwer, so selten aufbringen kann.

Und nicht nur das. Via NEWS gibt er sich gar überoptimistisch und erklärt: "Wenn wir diesen Weg so fortsetzen und wieder Verlässlichkeit zeigen, können wir bei der nächsten Nationalratswahl wieder 15 bis 18 Prozent erreichen." Wenn nur die Schwester es nicht an bedingungsloser Ergebenheit fehlen lässt - das könnte die Wähler wieder verscheuchen.

Vielleicht, ergeht sich die NEWS"-Autorin in familientherapeutischen Betrachtungen, ist diese "Geschwisterliebe" ja auch durch die Kindheit erklärbar. Der Vater Robert Haider war schon 1933 "illegaler" Nazi, flüchtete dann zur "Österreich-Legion" nach Deutschland und wurde 1938 "Jugendgauleiter" in Linz, die Mutter Dorothea war BdM-Führerin und ebenfalls überzeugte Nationalsozialistin.

Diese Geschwisterherkunft ist ein alter Hut, aber wie erklärt uns das Magazin die "Geschwisterliebe"? Damals im oberösterreichischen Bad Goisern der 50er Jahre, als sie als Kinder von "minder belasteten" Exnationalsozialisten Schmähungen erlitten hatten und die Eltern ihnen erzählt hatten, dass "all ihre Illusionen 1945 zerplatzt" seien und sie an Selbstmord gedacht hätten - ja, was geschah damals, was Bruder und Schwester viel später in Ergebenheits-und Respektsbezeugungen treiben sollte? "Der Pfarrer", berichtet Haider heute, "wollte mich nicht taufen, weil ich aus einer so genannten Nazi-Familie stamme." - Erinnerungen, die ihre Spuren hinterlassen haben.

Das stimmt - noch heute spricht er von seiner so genannten Nazi-Familie. Auch sonst ist sein Erinnerungsvermögen intakt, weshalb "NEWS" keinen Grund sieht, irgendwo nachzuhaken. Innerparteilich habe ich immer versucht, möglichst Konsens zu haben, denn dann tragen das auch alle mit. Wenn nicht, kann es zu Missverständnissen kommen. Das war einfach das Missverständnis der Susanne Riess. Unsere Partei ist eine sehr demokratische Institution. In Wirklichkeit ist die Susanne Riess einfach an der Demokratie in der Partei gescheitert.

Wie hätte die FPÖ bei der letzten Wahl abschneiden können, wäre das nur früher bekannt geworden! Da kann die Interviewerin von "NEWS" gar nicht anders, als mitleidiges Verständnis aufzubringen: Er hat gerade mit Frauen in der Politik schlechte Erfahrungen gemacht. Heide Schmid, Riess-Passer . . . Nicht etwa die mit ihm - es war wirklich an der Zeit, dass da ein in der Öffentlichkeit entstandener falscher Eindruck endlich korrigiert wird, auch wenn die Frau, mit der der so oft Enttäuschte endlich gute Erfahrungen macht, abschwächt: Ich würde das nicht verallgemeinern und darauf verkürzen. Als Frau sollte sie aber Obacht geben.

Leider hat er auch mit besagter Öffentlichkeit gelegentlich schlechte Erfahrungen gemacht. An ihm lag das nie. Ich bin wahrscheinlich mehr Demokrat als die meisten anderen österreichischen Politiker. Weil ich etwas im Sinne der Demokratie bewegt habe, ich habe etwas verändert. Was "NEWS" einfach zur Kenntnis nimmt, veranlasst die Schwester gleich zur Absonderung einer Ergebenheitsadresse: Es ist gut, dass du das sagst, denn das sind Dinge, die man eigentlich wieder vergisst. Die die anderen auch vergessen. Was die FPÖ unter Jörg Haider alles bewegt hat. Woran diese allgemeine Vergesslichkeit nur liegen kann?

Gerade als fast schon krankhafter Demokrat versteht er die zerplatzten Illusionen der Eltern und schätzt ihre Kraft, trotzdem weiterzumachen. Dafür hat er sich auch den angemessenen Kronzeugen unter den Nagel gerissen. So wie der Viktor Frankl es für die andere Seite geschrieben hat, "trotzdem ja zum Leben" gesagt zu haben. Ist doch schön, wenn auch alte Nazis und nicht nur deren Opfer auf Frankl hören und trotzdem ja zum Leben sagen, selbst wenn es nur das unerfüllte Leben in einer Demokratie ist. Man muss Menschen, die noch Werte haben, verteidigen, selbst dann, wenn man nicht mit allem übereinstimmt, was sie tun.

Gut, dass er das übernahm. Denn es war in Österreich über weite Strecken keine kultivierte Diskussion möglich. Danke Jörg - und natürlich "NEWS".
(DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2003)

Von Günter Traxler
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