Angst essen Skulptur auf

2. Dezember 2003, 13:02
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Monica Bonvicini und Sam Durant haben einen spröden Erlebnis- und Erkenntnisparcours in der Secession angelegt

Erstmals haben Monica Bonvicini und Sam Durant kooperiert. Erneut konnten Künstler den Hauptraum der Secession nicht einfach so hinnehmen, wie Joseph Maria Olbrich ihn gebaut hat.


Wien – Wieder einmal ist die Secession verbaut. Genauer: der Hauptraum, der historisch gesehen erste White Cube der Ausstellungsgeschichte. Und also hat man sich den Einbauten zu fügen, mäandert, von Gängen geleitet, still vor sich hin, und weiß als Kunstfreund sofort Bescheid: Die Beschränkung erst lässt einen so recht ins Grübeln kommen, erst in der Enge lässt sich gut ans Weite denken.

Gelenkten Blicks erst fällt einem die Decke auf, und eine bislang gröblich vernachlässigte Ecke, und auch die Tür zum Garten. Ab und an öffnen sich Zellen. Gebildet aus Raster und Glas des Oberlichtsaals, ermahnt deren eine zum architekturhistorischen Eingedenken, stahlgitterbewehrt fordert die andere scharfes Nachdenken ein, auf welcher Seite eines Käfigs man selbst wohl gerade stehen würde.

Eine dritte Box ist rundum verspiegelt. In der steht man dann zugleich auf beiden Seiten des Zwingers. Und glotzt sich staunend an. Selbstreflexion keimt auf, und damit Angst. Zu Recht. Von gar nicht fern erklingen Kettensägen. ANGST steht da geschrieben. Gebildet ist das Wort aus riesenhaften skulpturalen Sperrholzlettern. Und Monica Bonvicini und Sam Durant, die auch das Labyrinth erbauten, sind am Sprung, dagegen anzukämpfen. Brachial rücken sie, bis hin zur Ratlosigkeit im formlosen Chaos, dem größten der Gefühle zu Leibe. Um alsdann aus den Scherben ein schlichtes FEAR zurechtzuzimmern.

Schließlich hat Wittgenstein doch gesagt: "Anrennen gegen die Grenze der Sprache? Die Sprache ist ja kein Käfig." Und: "Das Anrennen gegen die Wände unseres Käfigs ist völlig und absolut aussichtslos." Und darauf beruht ja schließlich die ganze Installation. Auf Wittgenstein-Fragmenten. Bonvicini/Durant haben die Sprache als Objekt begriffen. Und so ist man denn im Labyrinth auch mitten in der Sprache. Im Wort. Wer nämlich alle Gänge abgeschritten hat, hat ohne es zu wissen CAGE geschrieben.

Wer hätte das gedacht? Erst der Grundrissplan offenbart die Signatur. Weder Orientierungssinn noch Spruchbänder zum Verhältnis von Innen und Außen, noch rabiat in die Leitwände geschlagene Löcher waren Information genug, das eigene Tun zu visualisieren. Und auch eine schmutzige Skulptur nicht, die Bonvicini/Durant listig aus Modellen höchst sauberer Häuser von Olbrich, Loos, Le Corbusier und van der Rohe bastelten. Es lebe die Sekundärliteratur. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2003)

Von
Markus Mittringer

Service

"Break it / Fix it" und "Stand-in"

Secession, 28.11. bis 1.2.2004

Di-So 10-18 Uhr
Do 10-20

Link

secession.at

  • Monica Bonvicini / Sam Durant Break it / Fix it
    foto: secession

    Monica Bonvicini / Sam Durant
    Break it / Fix it

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