Pappkameraden

9. Juni 2004, 14:23
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Wohnungsgenossen ohne Nebenwirkungen bietet der neueste Schrei auf dem Tapetenmarkt in Form scheinbarer Mitbewohner zum Aufpicken

Der Mensch lebt nicht gern alleine. Doch Mitbewohner können nerven. Sie bröseln, hören laut Musik, hinterlassen Chaos in der Küche und so weiter und so fort. Mit diesen unerquicklichen Nebenwirkungen ist nun Schluss: Die Single-Tapete kommt auf den Markt. Was das ist? Eine gewöhnliche Tapete, auf der ein netter Kerl oder eine sympathische Frau abgedruckt sind. In Originalgröße.

Sie befinden sich in einer unspektakulären Wohnsituation: gedankenverloren auf einem Sessel mit einem Glas Wein in der Hand oder erwartungsvoll mit ausgebreiteten Armen auf einem Sofa. Mit zwei, drei Tapetenrollen kann man sich einen dieser ruhigen Mitbewohner an die Wand pappen. Und der bleibt stets am gleichen Ort. Niemals wird man nach Hause kommen und feststellen müssen, dass er einem die Chips-Tüte leer gegessen hat. Und man kann ihn jederzeit wieder von der Wand ziehen, wenn man genug von ihm hat.

Die Idee stammt von den Innenarchitektinnen Andrea Baum (36) und Susanne Schmidt (34), die unter dem Label "sb 2designers" erste freiberufliche Schritte in Mainz wagen. "Wir sind gerade in der Orientierungsphase", sagt Susanne Schmidt. Die Single-Tapete war ein Beitrag für den Wettbewerb "New walls, please". Ausgerichtet wurde er vom Rat für Formgebung und der A.S. Création Tapetenstiftung, um innovative Anregungen für die Gestaltung von Wänden zu sammeln. Susanne Schmidt und Andrea Baum haben für ihre Singletapete einen Sonderpreis erhalten.

Als die beiden über einen gewinnträchtigen Beitrag für den Wettbewerb nachdachten, lief im Hintergrund gerade eine dieser Single-CDs - auf der die typischen Hintergrundgeräusche eines irgendwie beschäftigten Mitbewohners zu hören sind: Geschirrgeklapper, Geraschel von Papier oder das Schließen einer Tür. Einmal ein Räuspern, dann ein Husten. "Das ist lustig, aber irgendwie auch tragisch", urteilt Susanne Schmidt über diese akustische Illusion eines Menschen, der mit einem das Leben oder zumindest die Wohnung teilt. Doch genau dazu kam ihr und ihrer Kollegin die zündende Idee, dies auch zu visualisieren!

Am Computer entwarfen die beiden dann eine Kollektion zu Präsentationszwecken. Die Resonanz nach dem Wettbewerb war groß. "Wir waren erstmal überrascht", sagt Susanne Schmidt. Mittlerweile kann sie das Interesse nachvollziehen. "Das Thema Single wird schnell philosophisch", so die Innenarchitektin, "es geht ja auch um die Beziehung der Menschen in den Großstädten." Die Verkaufskollektion der Single-Tapete, seit kurzem auf dem Markt, wird mit vier Motiven angeboten: passende Situationen für Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Badezimmer. Susanne Schmidt und Andrea Baum entdeckten ihre Modelle für den Wandschmuck in Cafés und auch im Bekanntenkreis. "Die Leute sollten nicht zu schön und zu glatt wirken", sagt Susanne Schmidt. Die Singletapete dürfe nicht wie ein Werbeplakat aussehen. Ein nachlässiger Mitbewohner ist natürlich auch nicht gerne gesehen. "Wichtig ist ein angenehmes Erscheinungsbild und eine positive Ausstrahlung", so Schmidt weiter.

Ein Fotograf hat die Single-Darsteller inmitten von Wohnaccessoires in Szene gesetzt, die weitere Gestaltung geschieht digital am Computer. Mit Hilfe der Montagetechnik wird ein Hintergrund gewählt, zum Beispiel ein Ornament. Die Tapete selbst besteht aus Faservlies und ist UV-und lichtbeständig. Man könne sie mehrmals abziehen und wieder neu aufkleben. Also passend für einen Umzug - oder wenn man halt einmal wieder alleine leben möchte. Die Kosten für den laufenden Meter eines zweidimensionalen Mitbewohners liegen für den Käufer zwischen zwölf und 15 Euro.

Tapeten sind nach Meinung der Branche wieder im Trend. "Die Entwürfe werden mutiger und frecher", meint Susanne Schmidt. "Der normale Bürger ist mit der Tapete aber noch etwas zaghaft." Für ihre Singletapete sieht sie jedoch viele Verwendungs- und Variationsmöglichkeiten, die sie und ihre Geschäftspartnerin derzeit ausloten. Der Vertrieb der Single-Tapete läuft über das Unternehmen Berlintapete. Dort gibt es auch die Möglichkeit, eigene Motive auf eine Tapete drucken zu lassen. So könnten Susanne Schmidt und Andrea Baum neben der Singletapete vielleicht auch die Partnertapete anbieten. Die dann ideal wäre für Menschen mit einer Wochenendbeziehung. Schließlich ist der Mensch auch von Montag bis Freitag nicht gern alleine. (DerStandard/rondo/Annette Zellner/28/11/03)

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    foto: ab 2designers
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