EZB-Chefvolkswirt: Bewährungsprobe für die EZB steht noch bevor

21. Jänner 2000, 12:54

Issing: Weitere Leitzinserhöhung könnte zu Konflikt führen

Frankfurt - Die eigentliche Bewährungsprobe für die Europäische Zentralbank (EZB) und den Euro steht noch aus. "Wir hatten ein erfolgreiches erstes Jahr, aber die Herausforderungen warten noch auf uns", prognostizierte EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing am Donnerstagabend in Frankfurt.

Zum ersten richtigen Konflikt könnte es kommen, wenn die Notenbank für den Euro-Raum die Leitzinsen weiter erhöhe, um Inflationsgefahren einzudämmen. Dann sei mit dem Vorwurf zu rechnen, die Währungshüter nähmen keine Rücksicht auf den notwendigen Abbau der extrem hohen Arbeitslosigkeit.

"Entscheidender Test"

Weil die Arbeitslosigkeit nach wie vor das dringendste Problem in Europa ist, könnte die Politik der EZB "nicht verstanden werden", sagte Issing vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. Der "entscheidende Test" sei daher, "wie weit die Geldpolitik die Unterstützung der Bevölkerung findet".

Der Chefvolkswirt der weltweit jüngsten Notenbank wies darauf hin, dass die Deutsche Bundesbank Jahrzehnte Zeit gehabt habe, das Vertrauen der Menschen zu erwerben. Dies sei auch ihr größtes Kapital gewesen. "Die Bundesbank wurde in kritischen Phasen getragen von der Bevölkerung."

Positive Bilanz

Unter dem Strich zog Issing ein positives Fazit für das erste Jahr nach der Euro-Einführung Anfang 1999. Obwohl die EZB "nicht um eine Schonfrist gebeten" und diese auch nicht bekommen hätte, sei der Übergang in das Euro-Zeitalter an den Finanzmärkten "völlig reibungslos" verlaufen.

"Unser Instrumentarium hat sich bewährt" bilanzierte Issing. Obwohl die EZB als "neue, unbekannte Institution" aufgetreten sei, habe sie sich an den Märkten sehr rasch als glaubwürdig präsentieren können. (APA/dpa)

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