Wenn das Herz im Pinsel blüht

1. Dezember 2003, 19:39
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Aquarelle und Zeichnungen der Romantik in der Wiener Akademie

Wien - Schlegels philosophische Schriften wie auch Wackenroders Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders lieferten Stoff für neue Weltanschauungen, für eine Kunstreligion mit hohem Individualkult. Ihr Ziel hieß: weg vom Akademismus, von Effekthascherei und reinem Kopieren - rein ins religiöse Leben und in die gottdurchwirkte Natur. Ihr Schimpfwort übernahmen die wegen ihrer langen Haare "Nazarener" genannten Künstler gleich als Gruppenname, das Wort ist ein fix verankerter Begriff in der Kunstgeschichte.

Damals rigorose Akademiekritik - und jetzt hängen rund 100 Zeichnungen und Aquarelle der auch (in Wien gegründeten) "Lukasbrüderschaft" genannten Künstler in der Akademie der bildenden Künste. Von dort waren die Maler, auch aus Auftragsmangel, einst nach Rom entflohen und auf den Spuren ihrer Heroen Raffael und Perugino gewandelt, der "alten heiligen Kunst" (Friedrich Overbeck).

Religiöse Historien sahen diese Künstler der Romantik als Gleichnisse der Conditio humana, so etwa bei Führichs keinesfalls "romantischer" Serie des Verlorenen Sohnes oder dessen "Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies".

Aktuell und zeitgenössisch soll die in die drei Bereiche Porträt, Landschaft und religiöse Sujets aufgeteilte, vor coolem Zobernigschem Industriefolien-Hintergrund gehängte Schau Suche nach dem Unendlichen sein. Im hauseigenen Kupferstichkabinett, der Lehrsammlung der Akademie, waren die Bilder aufbewahrt worden und tour(t)en seit dem Vorjahr durch Deutschland und Italien.

Man "landschaftete" damals in schönen Gegenden: Moderne blitzt eher noch in den Landschaftsbildern auf als in den kitschig anmutenden, ja biedermeierlichen Heiligenbildchen. Seiner Zeit voraus ist vor allem das Aquarell von August Heinrich (1821, Farbenstudie zum Blick über Salzburg); aber auch kühne Bildausschnitte und markante Details weisen den Weg in die Moderne.

Dem damaligen idealisierten Zunftdenken im mittelalterlichen Sinn ist das Bildungsziel des "Meisters" an den Akademien geschuldet, das erstarkte Künstlerindividuum steht auf einem anderen Blatt. Gott sah man im menschlichen Antlitz, sehr romantisch. Schnorr von Carolsfeld porträtierte etwa befreundete Künstler und Dichter, belegt durch Zeichnungen aus dem römischen Porträtbuch. Darunter der junge Johann Evangelist (sic!) Scheffer von Leonhardshoff, der auf einem Selbstbildnis euphorisch verkündet, dass "sein Herz im Pinsel blüht".
(DER STANDARD, Printausgabe, 27.11.2003)

Von
Doris Krumpl

Nebenausstellung

Die Gemäldegalerie der Akademie am Schillerplatz zeigt derzeit Peter Dresslers Fotoarbeiten "In unmittelbarer Nähe" zu den alten Meistern. Link

akbild.ac.at

akademiegalerie.at

Bis 18. 1.
  • Johann Evangelist Scheffer von Leonhardshoff: Selbstbildnis, 1814/15
    foto: katalog

    Johann Evangelist Scheffer von Leonhardshoff: Selbstbildnis, 1814/15

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