Trilogie der Entäußerungen

15. Jänner 2004, 09:26
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Zwei bekannte und ein neues Stück von Elfriede Jelinek im Linzer O.K Centrum

Linz - Die optische Verwandlung von der in hochgeschlossenem Samt und strengem Scheitel reglos auf dem Thron sitzenden Prüden zum Unterwäschemodel, dessen anderes Ich aus der Klomuschel murmelt, korrespondiert keineswegs mit einer Versinnlichung des Geschehens: Unnahbar sind sie beide, bleiben eingebettet in einen Kokon des Selbstschutzes.

Körper und Frau - sie suchen sich im durch männliche Außenblicke durchbrochenen Spiegel. In einem Dialog, der wie ein rhythmischer Sprachstrom aus dem zunächst natürlichen, dann lippenstiftbewehrten Mund der großartigen Juliane Werner strömt, eruptiv, dann wieder listig unterspülend. Ein inhaltlich-formal genial verwobener Text in der punktgenauen Inszenierung von Ernst M. Binder.

In Linz wurde er nun im Rahmen einer Koproduktion des Landestheaters mit dem O.K Centrum durch Das Schweigen und die Uraufführung von Alleinsein ergänzt und zu einer Trilogie der die Außenwelt kommentierenden Entäußerungen verbunden. Die Stimme der Jelinek durchbricht vom Band das Schweigen, elektronisch virtuos dekonstruiert von Josef Klammer, bevor Bettina Buchholz einem Flügel entsteigt und Robert Schumanns Schöpfungsqualen ironisch unterläuft:

"Irgendwann muss er aufstehen, das Schöne als noch schöner empfinden, das Schreckliche als noch schrecklicher, und dann soll er es gefälligst gefällig ausdrücken . . ." Um dann zu entdecken, dass Schöpfertum und Leben einander ausschließen, dass Sonne und Regen nur den Vergessenen jene spontanen Selbstgefühle schenken, die ohne fremde Filter durch die Haut dringen. In Teil drei schließlich kommen Juliane Werner und Bettina Buchholz in Dirndl und Bergschuhen auf das Podium, um das Umfeld des unfreiwilligen Alleinseins selbst-bewusster fraulicher Entäußerungsversuche sarkastisch zu durchleuchten.

Immer ganz nahe an der politischen Analyse und doch voll poetischer Sogkraft. Sehr subjektiv verletzt von Krieg und Terror, Vatermord und Mutterschändung. Ein Kosmos der Gewalt, der doch leer ist, keine Sprache aufnehmen kann und die Sprechenden allein lässt. (kann/DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2003)

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    foto: o.k.
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