"Sie haben Knut": Als noch Gruppenzwang herrschte

19. Juli 2004, 14:18
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Regisseur Stefan Krohmer im Gespräch über seinen witzig-schlauen Skihüttenfilm "Sie haben Knut"

Ausflug in die Plenumkultur der frühen 80er-Jahre: Regisseur Stefan Krohmer im Gespräch über seinen witzig-schlauen Skihüttenfilm "Sie haben Knut" und das Ende einer Ära.


Wien - Ein Problemgespräch zwischen Mann und Frau, in dem jedes Wort mit großer Bedächtigkeit gewählt wird: "Die Leichtigkeit ist mir zuwider", meint Ingo (Hans Jochen Wagner) beispielsweise und streift mit der Hand die Stirn - es ist seine Form eines Liebesgeständnisses. Er meint es nämlich ernst mit Nadja (Valeria Koch). Bisher haben die beiden eine offene Beziehung, ihr "Experiment", gelebt. Nun sind die 80er-Jahre hereingebrochen und die Ideale des letzten Jahrzehnts ungefähr so abgetragen wie die Pullis.

Das romantische Wochenende auf einer einsamen Tiroler Skihütte war als Neuanfang geplant. Doch die Idylle wird durch unerwarteten Besuch gestört: durch Freunde von Nadjas Bruder Knut, selbst ernannte Öko- und Politaktivisten allesamt, bewaffnet mit Sportutensilien, guter Laune, Gitarre und Nachwuchs. Nur eben Knut, der Anführer der Runde, taucht nicht auf, er wurde angeblich verhaftet. In der Folge muss das Spaß- und Freizeitverhalten basisdemokratisch reguliert werden. 1983 darf man sich im alternativen Milieu noch nicht hemmungslos amüsieren, sondern muss sich solidarisch zeigen.

Sie haben Knut, das Spielfilmdebüt des Deutschen Stefan Krohmer, lässt sich nur vordergründig in die jüngste Serie aus Arbeiten einordnen, die sich mit dem Lebensgefühl der 80er befassen. Es ist im Unterschied zu diesen frei von falscher Nostalgie und beschreibt nüchtern distanziert einen Wendepunkt, an dem die Auffassungen einer Generation ins Wanken gerieten.

"Der Hauptstrang, eine tragikomische Liebesgeschichte, erzählt von jemandem, der sich von den Idealen der 70er verabschiedet", meint Krohmer im STANDARD-Interview, "Er trifft jedoch auf Leute, die an diesen Idealen festhalten. Das Jahr '83 ist dabei ganz bewusst gewählt: Da kam Kohl in Deutschland an die Macht - es war eine Übergangszeit."

Krohmer und sein Drehbuchautor Daniel Nocke, der im Film Wolfgang, den dogmatischen Wächter der Moral darstellt, haben als Kinder selbst mit ihren Eltern viele solcher Hüttenurlaube verbracht - mit denen sie durchaus positive Erinnerungen verbinden: "Wir haben versucht, Leute zu beschreiben, die wir gut zu kennen glauben. In den Diskussionen rund um die Vergangenheit von Joschka Fischer wurde dieser Typus ja oft reduziert auf den Betroffenheitsfanatiker oder Labersack", so Krohmer.

Sprache statt Requisite

"Uns ging es darum, die Zeit mehr über die Leute und ihre Art zu reden als über Ausstattungsmerkmale einzufangen. Es war uns wichtig, von der Ernsthaftigkeit zu erzählen, von der die Diskussionen dieser Zeit noch geprägt waren. Die Form der Kommunikation - im Privaten, in der Erziehung - hatte einen spezifischen Stellenwert."

Die Dialoge sind in Sie haben Knut noch besser getroffen als die kleinen Marotten oder Bärte von mancher Figur. Die Konflikte werden eher indirekt anvisiert, in den Diskussionen schiebt man konsensuelle Gemeinplätze vor. Dahinter kommt die Selbstgerechtigkeit zum Vorschein, mit der man die eigene Identität zu legitimieren sucht, die fadenscheinigen rhetorischen Manöver werden deutlich, mit denen man wahre Absichten verhehlen will.

Ingo etwa, sagt Krohmer, "trägt seinen inneren Monolog nach außen. Er erklärt sich die Welt, die anderen hören ihm dabei zu. Ein hehrer Anspruch, dem es schwer war, gerecht zu werden. Das ständige Hinterfragen floss in die Sprache ein: Die Relativsätze haben große Bedeutung."

Krohmer taucht sein Hüttenkammerspiel in gelbliches Licht, was den Eindruck von Intimität noch erhöht, während er im Freien eher im Dämmerlicht filmt: Auch bei diesem Gegensatz von kalt und warm ging es ihm um das Spannungsverhältnis aus der Sicht der Hauptfigur ("Ingo muss sich ja bedrängt fühlen in dieser aufdringlichen Gemütlichkeit."). Fast notwendig ergeben sich in dieser Enge Affären, aber auch gewalttätige Konfrontationen.

Es bedarf jedoch keiner dramaturgischen Deutlichkeit, um die Gruppendynamik kenntlich zu machen. Das Scheitern wird nicht zelebriert, sondern sachlich mitverfolgt. Nur die Jüngsten der Runde proben, unbemerkt von den Eltern, den richtigen Aufstand: Hier deutet Sie haben Knut bereits an, dass die nächste Generation den Individualismus durchsetzen wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

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  • Wenn dann endlich alle durchlässig sind: Party-Hütten- 
zauber in Stefan Krohmers "Sie haben Knut".
    foto: filmladen

    Wenn dann endlich alle durchlässig sind: Party-Hütten- zauber in Stefan Krohmers "Sie haben Knut".

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