Der virtuelle Patient

2. Dezember 2003, 14:46
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In Oberösterreich hat sich ein Forschungszentrum gebildet, das an der Zukunft der Medizintechnik arbeitet

Weil Michael Buchberger bereits eine eigene Forschungsabteilung leitet, ist seine Doktorarbeit noch immer nicht fertig. Aber angesichts der Medizininformatik-Projekte, die der Oberösterreicher, Jahrgang 1974, gemeinsam mit seinem Team am Upper Austrian Research Center (UAR) derzeit durchführt, ist das auch wenig überraschend. Kein Wunder: Die Forschung in diesem Bereich boomt. Die Industrie kann mit ihrer Geschwindigkeit derzeit kaum mehr mithalten. Vergleichbar mit dem Hype in der Softwareentwicklung und Kommunikationstechnologie überbieten sich zurzeit Forscher weltweit im Bereich Medizingeräte- und Medizinsoftware mit immer neuen Ideen von Hightechgeräten. Die Medizin steht unter hohem Erfolgsdruck, weil zum einen die Gesundheitsvorsorge ein gewaltiger Markt geworden ist und zum anderen der Kostendruck auf die Leistungen des Gesundheitssystems ständig steigt. Die neuen Geräte sollen daher immer mehr können, ihr Einsatz gleichzeitig aber auch immer weniger kosten. Ein Spagat, den nicht alle Forschungen in diesem Bereich schaffen.

Aufsehen

Zwei Informatikprojekte sind es, die derzeit am UAR für Aufsehen sorgen: SEE-KID, ein Softwaresystem für computerunterstützte Augenoperationen, erlaubt Medizinern bereits vor der Operation das Krankheitsbild besser zu diagnostizieren, einen genauen Vorgang des chirurgischen Eingriffs zu simulieren, um so beim tatsächlichen chirurgischen Eingriff präziser arbeiten zu können. Diese Software, an der die Forscher in den vergangenen sieben Jahren gebastelt haben, ist bereits an verschiedenen Kliniken im Einsatz. Und: Diese medizinische Neuerung ist durchaus leistbar. Das Softwarepaket kostet zwischen 6000 und 12.000 Euro.

Fallweise

Burncase heißt das zweite Projekt der Oberösterreicher. Es läuft seit mittlerweile eineinhalb Jahren und befindet sich noch im Entwicklungsstatus. Die neue Software soll in Zukunft die Behandlungen von schweren Verbrennungsverletzungen erheblich optimieren helfen - und das gleich auf mehreren Ebenen: Zurzeit müssen Mediziner das Ausmaß schwerer Verbrennungen noch mit Bleistift und Papier in der Notaufnahme bestimmen, eine Methode, bei der sich selbst erfahrene Verbrennungsspezialisten fast zwangsläufig um das Doppelte verschätzen.

Schnellere Diagnose

Eines steht freilich jetzt schon fest: Mithilfe eines Computers und der richtigen Software lässt sich die Diagnose schneller und doppelt so präzise wie bisher feststellen - und das kann mitunter bei Verbrennungen lebensrettend sein. Aber Schnelligkeit und Präzision sind bei computergestützten Hilfsmitteln in der Medizin noch nicht alles, was für den Patienten optimiert werden kann. Kommt die Burncase-Software tatsächlich wie geplant zur Anwendung, können Behandlungsverläufe und -methoden auf großen Datenbanken gespeichert werden - und so entsteht mit der Zeit ein wertvolles medizinisches Archiv, das wiederum weiteren Ärzten zur Verfügung gestellt werden kann.

Weitergabe

"Das ist eine bestechende Methode, um medizinisches Wissen und Erfahrungsschatz weiterzugeben", sagt Michael Buchberger. Burncase steht derzeit in zwei Zentren, dem Linzer Unfallkrankenhaus und dem Landeskrankenhaus Feldkirch, in Probeanwendung. Das UAR bekommt laufend Feedback der Ärzte, das wiederum in die Softwareentwicklung einfließt, um Verbesserungsmöglichkeiten sofort umzusetzen.

Überzeugt

Die Forscher müssen laufend Überzeugungsarbeit leisten. Denn wie in jeder anderen Branche auch stehen viele und vor allem die älteren Mediziner bahnbrechenden Erneuerungen erst einmal skeptisch gegenüber. "Der Computer ist im Bereich der Medizin noch immer nicht etabliert", gibt Buchberger unumwunden zu. Es brauche vor allem Kongresse, Lobbying und Schulungen, bei denen die Angst vor diesen neuen Technologien und die Zurückhaltung Schritt für Schritt abgebaut werden können.

Dass Ärzte zunächst einmal skeptisch sind, weiß auch Otmar Scherzer, Professor für Informatik an der Universität Innsbruck. Er ist unter anderem am Linzer Kompetenzzentrum für Industriemathematik (Industrial Mathematics Competence Center - IMCC) damit beschäftigt, hochkomplexe mathematische Rechenverfahren auf Anwendungen in der Medizintechnik zu übertragen - zum Beispiel für Ultraschallgeräte. Großes Ziel der Forschung: Automatische Erkennung von Zysten und Tumoren durch Segmentierung der Bilder.

Umstellung

"Die Ärzte sind ihre alten Ultraschallbilder gewohnt", sagt Scherzer. Er ist sich aber auch sicher, dass der Einsatz von Medizinbildern, der erst durch die wesentliche Verbesserung der Hardware möglich geworden ist, und die Rolle der mathematischen Modellierung, Simulierung und Optimierung von Bildern in den nächsten Jahren weiter zunehmen werden. (Mia Eidlhuber / DER STANDARD Printausgabe, 24.11.2003)

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