Was wurde aus dem Krieg gegen Terror?

1. Dezember 2003, 19:25
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Die USA und die Welt müssten zufrieden sein, wenn es gelingt, Anschläge mit Massenvernichtungswaffen zu verhindern - Kolumne von Hans Rauscher

Der Irak sei die zentrale Front für den Kampf gegen den Terrorismus, sagte George W. Bush zum wiederholten Mal, obwohl - was er zwischendurch auch selbst zugab - keine Verbindung zwischen Al-Kaida und dem Saddam-Regime bestand. Mittlerweile wirkt der Irak als gewaltiger Magnet für den internationalen Terrorismus, der gemeinsam mit dem nationalen Widerstand für die beinahe täglichen Opfer unter US-Soldaten und anderen verantwortlich zeichnet. Die amerikanische Reaktion - längst verschwundene Guerillas mit Präzisionsbomben zu belegen, die nur zivile Gebäude und vermutlich auch Zivilisten präzise pulverisieren - wird damit begründet, dass "wir zeigen wollten, wie tödlich wir sein können. Und das ist uns gelungen, auch wenn wir nichts getroffen haben sollten" (ein US-Militär). Das erinnert verzweifelt an die tragischen Absurditäten, mit denen die Unfähigkeit bemäntelt wurde, die Vietcong zu besiegen.

Tatsache ist aber, dass der "war on terrorism", der Krieg gegen den Terrorismus überall in der Welt, den Bush seit dem 11. September zum Hauptziel seiner Regierung gemacht und zu einer weltpolitischen Doktrin erhoben hat, im Begriff ist, zu entgleisen. Die jüngsten Anschläge in Istanbul - wohl berechnet während des Staatsbesuchs von Bush in Großbritannien - sind eine blutige Verhöhnung der Strategie der Bush-Männer.

George W. Bush und sein Kreis von radikalen Rechtskonservativen - Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz - haben eine überaus ehrgeiziges Weltkonzept ausgearbeitet, das der Präsident in zwei großen Reden - die letzte in London - darlegte. Was man die Bush-Doktrin nennen könnte, ist von atemberaubender Kühnheit und grundsätzlich nicht unattraktiv: Die USA hätten die Aufgabe, auf der ganzen Welt möglichst viele Gebiete mit demokratischen Verhältnissen zu schaffen - ganz besonders in der Dritten Welt und da wieder speziell im arabisch-islamischen Raum.

Wenn dies gelingt, würde die Bedrohung durch den Terrorismus schwinden, und gefährliche Konfliktherde würden entschärft. Um dies herbeizuführen, müssten die USA gelegentlich Waffengewalt einsetzen - manchmal sogar präventiv. Und sie müssten notfalls allein handeln. Die beiden Reden gingen praktisch unter. Die kühne Vision und der an Churchill gemahnende hohe moralische Ton sind einfach nicht deckungsgleich mit der Person George W. Bush. Dieser amerikanische Präsident hat keine moralische und intellektuelle Autorität. Die Welt bringt ihm kein Vertrauen entgegen.

Das liegt auch an der Diskrepanz zwischen dem grandiosen Politikentwurf und der Stümperhaftigkeit, mit dem die Bush-Leute diesen umzusetzen versuchen. Im Fall des Irakkrieges haben sie die Weltöffentlichkeit getäuscht, vor allem aber sich selbst. Ein solches Ausmaß an Fehleinschätzung über die Zeit nach dem Krieg ist zutiefst beunruhigend. Der Krieg gegen den Terror wurde offenbar ebenfalls fatal falsch eingeschätzt. Osama bin Laden ist noch immer in Freiheit, und die in Afghanistan zerschlagene Struktur seiner Al-Kaida hat sich ganz offensichtlich wieder regeneriert.

Der Krieg gegen den Terror kann nicht überall auf der Welt mit einem totalen Sieg enden. Die USA und die Welt müssten zufrieden sein, wenn es gelingt, Anschläge mit Massenvernichtungswaffen zu verhindern, die Terrornetze in ihrer Effektivität stark zu schwächen und im Übrigen die Unterstützung der Terroristen in der Bevölkerung vieler Länder zu schwächen. hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2003)

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