Rätsel ohne Aussicht auf Lösung

11. Dezember 2003, 14:54
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40 Jahre nach der Ermordung von John F. Kennedy: Eine Fülle von Verschwörungstheorien, eine zwiespältige Bilanz seiner Präsidentschaft und ein Clan, dem nur noch Arnold Schwarzenegger Glanz verleiht + Grafik

Jedes welthistorische Ereignis ähnelt einer Insel in einem Fluss, an die sich im Lauf der Zeit mehr und mehr Treibgut anlagert. Spektakuläre politische Morde und Katastrophen üben einen unwiderstehlichen Reiz auf Hobbyhistoriker, Literaten und Verschwörungstheoretiker aus, sich mit ihren jeweils eigenen Hypothesen und Expertisen an scheinbar verborgenen Wahrheiten abzuarbeiten.

In der Hitparade einschlägiger historischer Events mögen zwar momentan die Terroranschläge des 11. September ganz oben stehen: Matthias Bröckers umstrittenes Opus "Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11. 9.", um nur eines von vielen zu nennen, hält inzwischen bei der 33. Auflage. Wenn es aber um den Status des populärsten verschwörungstheoretischen Dauerbrenners aller Zeiten geht, dann dürfte der Mord an John Fitzgerald Kennedy immer noch ungeschlagen sein.

Sieben Sekunden

Sieben Sekunden lang dauert die Wiedergabe des Zelluloidschnipsels, auf dem der Amateurfilmer Abraham Zapruder mit seiner Bell & Howard Kamera am 22. November 1963 die Ermordung des 35. US-Präsidenten aufnimmt. Auf dem kurzen Stummfilm sind zwar viele grausige Details zu erkennen (das Eintreten zweier Gewehrkugeln in Hals und Schädel von JFK), nicht aber der Mörder, der die tödlichen Projektile abgefeuert hat. Eine Stunde später wird der 44-jährige Lee Harvey Oswald als mutmaßlicher Täter verhaftet. Zwei Tage später erschießt der Nachtklubbesitzer Jack Ruby nach eigenen Angaben aus Zorn über die Ermordung Kennedys Oswald, als dieser in ein Bundesgefängnis überstellt wird.

Obwohl eine vom Kongress eingesetzte Untersuchungskommission (Warren Commission) zum Schluss kommt, dass Oswald ein derangierter Einzeltäter gewesen sei, sorgen die mysteriösen Begleitumstände des Kennedy-Mordes sogleich dafür, dass misstrauische Geister an dieser offiziellen Version zu zweifeln beginnen. Der "paranoide Strang", den der Historiker Richard Hofstadter als ein konstantes Feature der amerikanischen Befindlichkeit geortet hat, tut ein Übriges, um solche Thesen florieren zu lassen. Bis heute ist eine Mehrheit der Amerikaner der Überzeugung, dass die "single bullet"-Theorie vom Einzeltäter Oswald unzutreffend und Kennedy einem Komplott zu Opfer gefallen sei. Als mögliche Drahtzieher des Attentats wurden genannt:

Die Mafia: Ihr soll Kennedy mit einem geplanten Gesetz zur Erschwerung des Waffenhandels ins Handwerk gepfuscht haben.

Fidel Castro: aus Rache für die Invasion der Schweinebucht.

Der militärisch-industrielle Komplex in den USA: Weil er befürchtete, dass Kennedy seine US-Militärberater aus Vietnam abziehen und damit ihre Geschäfte stören könnte.

Die Sowjets: Weil sich Kennedy in der Kubakrise als gefährlicher Feind geoutet hatte. All diese Theorien haben einen gravierenden Nachteil: Sie sind bis heute unbewiesen. Auch am 40. Jahrestag der Ermordung von JFK wird der historische Erkenntnisstand nicht wesentlich von dem abweichen, was schon zehn Jahre zuvor die Grundlage der meisten seriösen Dokumentarfilme zum Thema war: "Die ,single bullet'-Theorie ist überzeugend, Lee Harvey Oswald hat allein gehandelt." (New York Times).

Das heißt nun wieder sicher nicht, dass die Akte Kennedy geschlossen würde: Von den obskursten Seiten im Internet bis hin zu honorigen Kulturschaffenden wie dem Filmemacher Oliver Stone, den Autoren Don De Lillo, Norman Mailer oder James Ellroy bleibt die Faszination des berühmtesten Mordfalles aller Zeiten ungebrochen. Die Hoffnung, die endgültige und vielleicht ganz andere Wahrheit über den Tod von JFK ans Tageslicht zu bringen, wird wohl als ewiger Inspirationsquell im kollektiven Unbewussten der amerikanischen Nation weitersprudeln. (Christoph Winder/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 11. 2003)

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    Der Kennedy-Clan

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