Börse-Guru Jim Rogers hat keine Lust mehr auf Wiener Aktien

20. Jänner 2000, 14:49

Der frühere US-Fondsmanger, der in den 80er Jahren die Wiener Börse wachküsste, setzt auf Rohstoffe

PORTRÄT

Jim Rogers: Der Börse- "Wachküsser" auf Millenniums- Weltreise

In zehn Jahren Portefeuille gegen Trend um über 4.000 Prozent gesteigertFoto: jimrogers.com
Wien - Der "Börse-Guru" und frühere US-Fondsmanager Jim Rogers hat keine Lust, die Wiener Börse ein zweites Mal wachzuküssen. "Österreich ist derzeit nicht zwingend für mich", zwingend scheine ihm eher ein Verkauf österreichischer Aktien, sagte Rogers am Mittwoch Abend bei einem Vortrag im alten Börsegebäude - gleich neben jenem Saal, in dem die Wiener Börse als Dornröschen schlummerte, bis Rogers 1985 in einem Interview auf die großen Gewinnchancen in Wien und Osteuropa hinwies und damit dem Wiener Markt zu einer unverhofften Blütezeit verhalf, die im Golfkrieg 1991 jäh endete.

Zukunftsmärkte China, Afrika, Südamerika

Jim Rogers setzt heute auf rohstoffreiche Regionen wie Afrika, Südamerika und besonders auf China: "China ist das große Land des 21. Jahrhunderts, so wie Großbritannien das Land des 19. und die USA das Land des 20. Jahrhunderts waren". In zehn oder 20 Jahren werde China das reichste Land der Welt sein, wenn auch nicht pro Kopf, ist Rogers überzeugt. China habe im Lauf seiner Geschichte immer wieder Phasen ungezügelten Kapitalismus' erlebt, zudem seien die Chinesen extrem arbeitsam und diszipliniert.

Für Osteuropa und speziell Russland kann Rogers "die in Europa und gerade in Österreich vorherrschende Zuversicht" nicht teilen. Dieser Raum werde sich noch 20, 30,40 Jahre als "schwarzes Loch" für Geld erweisen, Sibirien sei überhaupt ein Desaster. Die Rote Armee werde das vormalige Riesenreich Sowjetunion nicht zusammenhalten können. In Osteuropa, dessen Grenzen von Stalin willkürlich gezogen worden seien, werde sich zunehmend Enttäuschung breitmachen: "Früher hatten die Tschechen Österreich als Vorbild, jetzt wollen sie in die EU und leben wie die Deutschen".

"Es ist etwas faul im US-Aktienmarkt"

Überhaupt hat Rogers, der sich als Mitbegründer des Quantum-Fonds mit George Soros einen Namen machte, mit Aktien heute nicht mehr viel am Hut. Für die reifen Märkte wie die USA oder Deutschland sei es bereits "sehr spät am Tag": Die Kursanstiege des vergangenen Jahres seien ungesund gewesen. Das 68-Prozent-Plus der Technologiebörse Nasdaq etwa erweise sich bei Ausschluss der zehn größten Titel als kräftiges Minus von 13 Prozent. Resümee: "Es ist etwas faul im US-Aktienmarkt".

"Riesige Blase Internet"

Das Internet werde das Leben dramatisch verändern - "unsere Enkel werden nie ein Postamt, eine Versicherung oder eine Börse betreten" -, dennoch würde Rogers kein Geld in Internet-Aktien investieren: "Wir haben es mit einer riesigen Blase (bubble) zu tun, und so etwas hat immer schlimm geendet", meinte Rogers unter Verweis auf den japanischen Aktienmarkt, der sich seit dem Platzen der Börsenblase Ende der achtziger Jahre nicht mehr erholt habe. Die derzeit stark gedrückte Stimmung in Japan sei für ihn ein Kaufsignal, die Situation könne nur besser werden.

Rohstoffmarkt wird Bullenmarkt

Generell setzt Rogers heute stark auf Rohstoffe wie Öl, Getreide, Zink. Der globale Rohstoffmarkt werde nach 20, 30 Jahren Bärenmarkt (mit fallenden Kursen) wieder in einen Bullenmarkt (mit steigenden Kursen) übergehen. Jetzt sei die Wende gekommen, ein starkes Indiz dafür sei etwa der Ölpreis, der gerade ein Neun-Jahres-Hoch erklommen hat. Er sei europaweit stark in Ölwerte investiert und besitzt auch OMV-Aktien.

Wie er sein Portfolio heute gestalten würde? Er würde sich mit japanischem Yen in Cash eindecken, Futures auf Getreide, Reis, Metall gehen und den deutschen Börseindex DAX short verkaufen. (APA)

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