Jahwe ist an allem schuld

13. Jänner 2004, 15:27
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Vom Zeitgeist umfächelt haben sich heimische Antisemiten zwar noch nicht durchgerungen, der guten alten jüdischen Weltverschwörung abzuschwören ...

... aber immerhin dazu, ihr ein modisches Styling zu verpassen: Sie heißt jetzt "Globalisierung". Der Modernisierungsschub ist nicht auf dem Mist der heimischen Verschwörungstheoretiker gewachsen, aber begeistert greift ein Univ.-Doz. Dr. Friedrich Romig - wo sonst, wenn nicht in "Zur Zeit", dem Wochenblatt des "Krone"-Kolumnisten Andreas Mölzer - die Erkenntnis auf, mit der Malaysias Ex-Premier Mahathir Mohamad kürzlich für Aufsehen sorgte: Dass "Juden die Welt mit Hilfe ihrer Bevollmächtigten regieren."

Laut Romig-Mahathir ist es folgendermaßen: Die "Globalisierung" erhält so einen weit über das Ökonomische hinausgreifenden Sinn. Sie muss als Weg gesehen werden, auf dem das Judentum seinen Auftrag erfüllt und seinen (sic) biblischen Auftrag gemäß weltweite Dominanz erlangt. Und wie von Herrn Mahathir, einem der zweifellos wohl bedeutendsten Staatsmänner und Führer der Muslime, eingestanden wurde: Nach den Deutschen und Russen macht heute die Islamische Gemeinschaft diese Erfahrung, weshalb es nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center gar nicht anders kommen konnte: Der Islam wurde in Misskredit gebracht, ungestraft könne er heute im Westen als "terroristische Religion" bezeichnet werden, während Kritik an Israel, dem Judaismus und Zionismus sofort als "Antisemitismus" denunziert werde.

Wenn das einer der zweifellos wohl bedeutendsten Staatsmänner und Führer der Muslime sagt, und darin von einem Herrn Hohmann in Deutschland unterstützt wird, kann ein auf Führer-Worte abgerichteter Jahwe-Spezialist gar nicht anders als den Faden weiter zu spinnen und Ungeheuerliches zu enthüllen. Schon der Name, die "Vereinigten Staaten", enthält das Programm der künftigen Weltordnung: die Verschmelzung aller Staaten zu einem einzigen Staat. Wär 's nur das! Doch die USA selbst stehen unter der Kuratel einer weit verzweigten Macht, nämlich der "Israel Connection". Ariel Sharon hat das unmissverständlich zu Gehör gebracht, und wenn man dem sonst nie etwas glaubt - das muss einfach stimmen.

Aber es ist eben nicht nur eine Verschwörung. Die allerdings noch längst nicht vollständige und durchgehende Regierung der Welt durch Juden hat nichts mit "Verschwörung" zu tun, sondern entspricht einerseits dem an das jüdische Volk durch Jahwe ergangenen Auftrag und ist andererseits auf das in den politischen Wissenschaften längst bekannte "Gesetz der Oligarchisierung" zurückzuführen, demzufolge allem Demokratisierungsgefasel zum Trotz immer nur ganz Wenige herrschen und führen können, die Vielen aber folgen müssen.

Es kommt wieder einmal alles zusammen, die "Vereinigten Staaten", die "Israel Connection", Jahwe, das "Gesetz der Oligarchisierung", gegen diese Mischung hilft kein Demokratisierungsgefasel, wenn ohnehin immer nur ganz Wenige herrschen und führen können. Das wäre auch in Ordnung, aber warum müssen es immer die Juden sein? Hätte sich Jahwe für seinen Auftrag nicht Germanen auswählen können? Oder tat er es, und sie haben es in ihrer Treuherzigkeit wieder einmal verpfuscht?

Kann leicht sein, denn die Voraussetzung für die Ausbreitung ihrer Herrschaft ist die Auflösung aller Gemeinschaftsbindungen politischer, kultureller, sittlicher, sozialer und wirtschaftlicher Art, die der Globalisierung und der Führung der Welt durch das auserwählte Volk im Wege stehen. Mittel dazu ist das Aussäen des Zweifels an allem, was den Völkern und sozialen Gruppen "heilig" ist, und dazu sind Arier nun einmal nicht imstande.

Der Spin besteht nämlich in der "Aufklärung", die den Zweifel zum Prinzip erhob. Die Formen der Zerrüttung, der Spaltung, der Zerschneidung und des Verschwindens der Bindungen des gesellschaftlichen Lebens sind vielfältig, warnt Romig die Leser von "Zur Zeit": Aufreizen der Begehrlichkeit, Neuerungssucht, Umwertung der Werte, Verlust der Mitte (Nietzsche und Sedlmayr, herhören!), Entwertung der Tugenden, Herabsetzung der Ehrbegriffe, Verweigerung der Treuepflicht, Anstacheln des Neids, Hebung des "Konfliktbewusstseins", Aufhetzen zum Geschlechter-, Klassen- und Rassenkampf (der anderen), Sexualisierung, Ökonomisierung und Konsumismus, Diktatur des Hässlichen und des politisch Korrekten.

Nur den vorehelichen Geschlechtsverkehr hat Dozierer Romig vergessen. Aber sonst stimmt alles. Dank ihres Intellekts wurden viele Juden zu Meistern im Aussäen des Zweifels. Das hat das Synedrium bereits vor 2000 Jahren im "Prozess Jesu" bewiesen, der mit dem Todesurteil über den Gottessohn endete.

Dieser Beweis sollte endlich auch Jahwe überzeugen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 18.11.2003)

Von Günter Traxler
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