Die ewige Reduktion auf das Kopftuch

22. April 2004, 20:49
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In Wien wurde über Frauen im Islam und Wege zur Moderne diskutiert

Da kommen vier hoch qualifizierte Frauen nach Wien, um über "Frauen in der islamischen Welt - Wege zur Modernität" zu sprechen, und was dominiert den Abend? Das Kopftuch. Das Kreisky-Forum hatte geladen, Valentine Moghadam (Iran), Amatalrauf Al-Sharki (Jemen), Necla Arat (Türkei), Nahda Younis Shehada ("Palästina"), moderiert von Viola Raheb, stellten sich einem Publikum, von dem Teile wahrscheinlich sonst nicht allzu häufig den Weg in diese Institution finden - und das ist die gute Nachricht.

Die schlechte ist, dass, wie Moghadam feststellte, die islamistische und die westliche Sicht (sie sagte: die orientalistische, was die STANDARD-Redakteurin als Vertreterin dieser Zunft zurückweist) auf die islamische Welt sehr oft übereinstimmen, und da gibt es eben vor allem eines zu sehen: das Kopftuch. Shehada konnte da noch so überzeugend argumentieren, dass "die Realität reicher als die ideologische Debatte" sei - die wiederum reicher ist als die besonders in der islamischen Diaspora beliebte Kopftuchdebatte. Arat, eine echte Tochter Atatürks, verteidigte tapfer das türkische System des Kopftuchverbots an öffentlichen Institutionen als Schutz der Frauen vor männlich-islamistischer Instrumentalisierung und wurde von Kopftuchträgerinnen in die Mangel genommen - wobei zu klären bliebe, was aus der Kombination von keuschem Kopftuch und nicht sehr keuschen engen Jeans abzulesen ist, die an jenem Abend von einer Kämpferin für die islamische Kleidung vorgeführt wurden.

Sei's drum, alle Diskutantinnen waren sich einig, dass sich Frauen nicht darauf reduzieren lassen sollten, das Tragen des Kopftuchs oder das Nichttragen des Kopftuchs zu propagieren. Chacun à son goût, solange er keine Mitmenschen schädigt - aber dieses wichtige Konzept der Moderne kann natürlich mit keiner fundamentalistischen Religionsausrichtung, Islam oder andere, konform gehen.

Islamisch-pragmatisch

Die zweifellos als "modern" zu kategorisierende Shehada hat sich übrigens wissenschaftlich mit der Praxis des islamischen Familienrechts in Gaza auseinander gesetzt und teilte mit, was jeder Kenner der islamischen Welt gefühlsmäßig weiß: Islamisch-dogmatisch ist eine Sache, das Leben eine andere. Kadi-Urteile seien teilweise sehr verschieden vom kodifizierten Familienrecht, sie seien stark von "den Begriffen Gerechtigkeit und Fairness geprägt", islamischer Pragmatismus. Und das ist keine Verteidigung des islamischen Familienrechts, sondern der muslimischen Menschen. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 17.11.2003)

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