Kommentar: Grassers Lockrufe

16. Jänner 2004, 20:50
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Selbst Schwarz-Blau wohlgesinnte Experten sehen in den versprochenen neuen Fördergeldern maximal einen Schritt in die richtige Richtung

Nach jahrelangen, relativ ergebnislosen Diskussionen über die zersplitterte und finanziell notdürftig ausgestattete österreichische Forschungslandschaft scheint nun auch bis zur Bundesregierung vorgedrungen zu sein, dass der Hut brennt, will Österreich nicht endgültig auf das Abstellgleis in Sachen Innovation geraten. Doch die Versuche, hier gegenzusteuern und - wie vom Kanzler ständig erklärt - unter die Top-drei-Standorte in Europa aufzurücken, machen sich hilflos bis realitätsfremd aus.

Selbst Schwarz-Blau wohlgesinnte Experten sehen in den versprochenen neuen Fördergeldern von 1,2 Milliarden Euro bis 2006 maximal einen Schritt in die richtige Richtung. Substanziell mehr Mittel wären nötig, um endlich das Ziel einer Forschungsquote von 2,5 Prozent zu erreichen. Hintergrund ist, dass ein Großteil der "neuen" Mittel nur in den Hochglanzbroschüren der Regierung als neu verkauft wird, in Wirklichkeit aber schon verplantes und nicht frisches Forschungsgeld ist. Glaubten die dafür Verantwortlichen nicht permanent die eigene Propaganda, dürften sie auch bemerkt haben, dass es nicht nur an Geld und Infrastruktur mangelt, sondern dass auch zu wenig Forscher im Land sind und jene, die noch da sind, möglicherweise gerade die Koffer packen. Weder als Wirtschafts-, noch als Arbeits- oder Forschungsstandort genießt Österreich - von wenigen Spitzeninstituten abgesehen - einen Ruf, der anziehend genug wäre, Spitzenkräfte ins Land zu bringen. Auch die nun geplanten Steueranreize für Forscher aus dem Ausland werden hier die Parameter kaum verschieben.

Wer von Asien oder Osteuropa kommend im Flugzeug nach Skandinavien oder in die USA sitzt, wird kaum in Wien aussteigen, nur weil am nasskalten Boden ein Finanzminister - wenn überhaupt - mit ein paar Hundert Euro winkt. Gut gemeint ist bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht.

Früher einmal punktete Österreich in Standortvergleichen mit Lebensqualität, politischer Stabilität, sozialem Frieden, kulturellem Angebot und üppigen Subventionen. Was von dieser Liste seit dem Jahr 2000 bis zum jüngsten ÖBB-Streik geblieben ist, mag jeder selbst beurteilen. Dass neue attraktive "Rahmenbedingungen" dazugekommen wären, muss verneint werden. Besonders eklatant tritt dies beim Forschungsstandort Österreich zutage. Auch der eigene universitäre Nachwuchs muss über die Grenzen schielen, um ansprechende Entfaltungs- und Verdienstmöglichkeiten zu finden. Österreich ist auf der Weltkarte der attraktiven Forschungsregionen bestenfalls ein Schwellenland. Das ist im In- und Ausland bekannt.

Dem Imageproblem der Kategorie "chronisch unterkapitalisiert und überbürokratisiert" ist nicht mit ein paar Steuerzuckerln, sondern nur mit einem generellen Kulturwandel beizukommen. Vorbilder sind hier Skandinavier, allen voran die Schweden, und nicht erst 2003, sondern seit Mitte der 80er-Jahre. Schwedens Forschungsquote liegt heute bei 4,5 Prozent.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 11. 2003)

Kommentar von Michael Bachner
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