Die Quadratur des Aktienkreises

4. Jänner 2004, 19:49
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Eilt die Börse der wirtschaftlichen Realität voraus, hinkt sie hintennach, oder ist ihre Bewertung angemessen? - Gastkommentar von Michael Margules

Die Börse lebt von der Ungewissheit und der unterschiedlichen Einschätzung der Ertragsaussichten der Unternehmen und damit Volkswirtschaften. Je grösser die Abweichung der Meinungen und damit das Risiko, desto grösser das Gewinnpotenzial. Nur dann wird die Risikofreude angemessen belohnt.

Buy low, sell high.....

Das haben all diejenigen erlebt, die im Frühjahr, als die Stimmung an der Börse am düstersten war, mutig Aktien gekauft haben. Sie wussten nicht unbedingt mehr als die Pessimisten. Die Optimisten stellten aber fest, dass die Markteinschätzung massiv von der Realität abwich und dass das eine einmalige Kaufgelegenheit darstellte. Nun deutet einiges darauf hin, dass die Aktienmärkte, die weltweit seit März 2003 kräftig zugelegt haben, schon einiges der guten Zukunft vorweggenommen haben. Wenn also die Börse auf gute Nachrichten, wie beispielsweise die Gewinnausweise für das dritte Quartal, nur noch verhalten positiv reagiert (Intel), befriedigende Zahlen oder verhaltene Kommentare zu den weiteren Aussichten (Wal-Mart) hingegen mit eher deutlichen Kurseinbussen quittiert werden, gilt dies im allgemeinen als ein klarer Hinweis dafür, dass die Aktienmärkte vor einer ausgeprägten Phase der Konsolidierung stehen.

Miniatur-Ausgabe der Spekulationsblase

Etliche Experten wie beispielsweise zuletzt der Dresdner Kleinwort Wasserstein-Chefstratege Albert Edwards gehen in ihrer pessimistischen Markteinschätzung etwas weiter, und sprechen – allerdings schon seit etlichen Wochen, ohne daß dies den allgemeinen Kursaufschwung zum Stillstand gebracht hätte – von einer "Echo-Spekulationsblase". Die aktuelle Marktphase wirke wie eine Miniatur-Ausgabe der Spekulationsblase vor drei Jahren. Auch 1999 nahm sowie 2003 der Aktienkauf auf Pump gewaltig zu, und die Gewinner von damals feiern ihr Comeback mit größtenteils beeindruckenden Kursavancen: Betrachtet man nur die 20 besten Aktien des Jahres 1999 aus dem US-Aktienindex S&P 500, dann stiegen deren Kurse im laufenden Jahr durchschnittlich um fast 75 Prozent. Davor verblasst der Zuwachs des Gesamtmarktes von rund 20 Prozent.

Gesunder Menschenverstand.....

Aber spricht nicht der gesunde Menschenverstand dagegen, dass Anleger sich nach dem schmerzlichen Crash zwischen den Frühjahren 2000 und 2003 schon wieder auf ein neues Roulettespiel einlassen? Nein, lautet die wissenschaftlich fundierte Antwort des US-Wirtschaftsprofessors und Nobelpreisträgers Vernon Smith. Er ließ Studenten in experimentellen Börsenspielen gegeneinander antreten. Und siehe da: Wenn die Spieler im ersten Test eine spekulative Blase erzeugt hatten, die zum Spielende platzte, passierte ihnen das Gleiche beim zweiten Anlauf oft noch einmal. Erst im dritten Durchgang wichen die Kurse kaum noch von ihren fundamentalen Werten ab. Gerade letztere liefern abseits aller Experimente ein Warnsignal: das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das der US-Aktienpionier Benjamin Graham als exzellenten Indikator entdeckte. Grahams KGV, berechnet anhand der Gewinne der vergangenen zehn Jahre, liegt momentan bei gefährlich hohen 30 für den breiten US-Aktienindex S&P 500. Höher stand das KGV nur Ende der 90er-Jahre und kurz vor dem Börsencrash von 1929.

....und Psychologie

Trotz all dieser und weiterer Einschränkungen wie etwa der unverändert zur Schwäche neigenden amerikanischen Währung zeigen wichtige Indikatoren, dass die US-Wirtschaft und in deren Sog auch Europa und Asien die Talsohle durchschritten hat. Deswegen wirken Crash-Szenarien in der aktuellen Ausgangslage wenig glaubhaft. Ob jedoch die Märkte weiterhin eine robuste und nach oben gerichtete Verfassung zeigen, wird zum einen von der weiteren Entwicklung auf der nicht vorhersehbaren politischen Ebene abhängen, zum anderen von der Einschätzung und dem Glauben institutioneller wie privater Anleger, daß sich die wirtschaftliche Gesundung einerseits weiter fortsetzt, andererseits – noch nicht ausreichend in den Aktienkursen vorweg genommen wurde...

Nachlese

--> Groß, größer, General Electric
--> USA in der Wachstumsfalle?
--> Buy on bad News!?
--> Die Schlechten ins Kröpfchen, ...
--> Hausse, Bärenmarktrallye oder Blase?
--> Anlagetipps von und mit George W. Bush
--> Alan Greenspans Heiratsantrag
--> Das 1x1 der Aktienbewertung
--> Wer hat Angst vor Fannie und Freddie?
--> Spieglein, Spieglein, an der Wand ...
--> High Noon zwischen Anleihen und Aktien
--> Bitte am Shareholder Value festhalten
--> Politischer Einfluss stützt Aktienrally
--> Widersprechen sich Aktien- und Bondmärkte?
--> Börsianer warten auf das Unwetter
--> Indexieren passé, Investieren olé
--> Der Dollar fällt und fällt und fällt ...
--> Vorsicht, Crash-Gefahr
--> Wieviel Seiten hat die Medaille?
--> Wo geht's hier zum Wachstum?
--> "Sell in May and go away ..."
--> Börsen vor der Trendwende
--> Drei Jahre Baisse reichen
--> Einer wird gewinnen
--> Schweigen in der Folterkammer
--> Politik beeinflußt die Börsen wenig
--> Die Baisse kann bis 2018 andauern...
--> 1:0 für Anleihen
--> Arme Rentner
--> Kanonendonner oder Kursfeuerwerk?
--> Gratis-Kredit für den Chef
--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> „Bob the builder“ und US-Präsident Bush
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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    derstandard.at
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