Mit Golf und Nutella ins Altenwohnheim

7. Juli 2005, 15:46
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Von der heutigen Jugend sieht Autor Florian Illies T-Shirt-bedingt "mehr Bauch", viel Pragmatismus und gesunden Menschenverstand bei "maximaler Freiheit"

STANDARD: Welches Auto fahren Sie?

Illies: Ich bin bis an mein Lebensende dazu verpflichtet, Golf zu fahren. Ein Zeichen dafür, dass die Boomzeit abgelaufen ist, ist dass immer morgens im Rückspiegel so kleine Zettelchen mit Handynummern kleben auf denen steht "Wollen Sie Ihren Wagen verkaufen - Bargeld sofort".

STANDARD: Generation Golf verpflichtet bis ans Lebensende?

Illies: Ich als Autor muss wohl, die anderen dürfen auch umsteigen. Das Gefühl war relativ klar: Erst Buggyrad, dann Dreirad, Fahrrad, Golf. Und wir dachten, es ginge weiter mit Saab oder was anderem Schönem. Durch die schlechte wirtschaftliche Situation wurde das gestoppt.

STANDARD: Welchen Code statt Generation Golf haben Sie noch in Erwägung gezogen?

Illies: Vielleicht Generation Nena oder Nutella. Ich habe damals einen Werbespot gesehen: Der Kampagnenname war Generation Golf, der Spot war ganz verrückt. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, das sind ja Menschen, die ich kenne, die wirken wie Freunde von mir.

STANDARD: Mit welcher Generation haben wir es jetzt zu tun?

Illies: Ich sehe auf den ersten Blick viel mehr von ihr, vor allem in der Bauchregion - bei den Frauen immer. Diese sehr kurzen T-Shirts unterscheiden sie deutlich von den Frauen, die ich damals kannte. Oder wenn ich sehe, wie lange man abends ausgehen darf - dabei dachten wir schon, dass wir alles durften.

STANDARD: Dürfen die Kids heute wirklich mehr als die Golfer?

Illies: Ihre Freiheit ist maximal. Aber wahrscheinlich kommt in zehn Jahren nochmals eine Stufe dazu. Überraschend ist aber: Die Jungen sind trotzdem bürgerlich, pragmatisch, eher konservativ. Früher gab die Haarlänge Aufschluss über die Parteizugehörigkeit usw. Solche Dinge funktionieren nicht mehr. Offensichtlich setzt sich in so einer maximalen Freiheitssituation mehr und mehr das durch, was man den gesunden Menschenverstand nennt. Heute wird eher versucht, etwas Gutes herauszuholen - aber ohne extremen Ego-Kult.

STANDARD: Warum waren die 80er, wie Sie schreiben, das langweiligste Jahrzehnt? Wurde es danach spannender?

Illies Ich bin aufgewachsen mit einem wahnsinnigen Minderwertigkeitskomplex über mein Leben, das sich noch nicht den Namen Biografie zu geben traute, wenn man sich verglich mit den Lehrern, die erzählten, wo sie in Nicaragua gekämpft haben oder welche Straßenschlachten sie geschlagen haben und wie viele Frauen sie gehabt haben. Das war das Gegenmodell zu uns. Man guckt auf sich selbst und fühlt sich plötzlich biografisch etwas minderbemittelt.

STANDARD: Welche Rolle spielt die Politik?

Illies: Den Jüngeren fehlt die Auseinandersetzung mit den Eltern, dieser Widerstand, den wir hatten. Wenn einem die Eltern sagen, du studierst das nicht, dann war man herausgefordert zu sagen, doch, ich will trotzdem Kunstgeschichte studieren, auch wenn wir seit 400 Jahren Juristen in der Familie haben. Heute kann man studieren, was man will.

STANDARD: Sie schreiben, die Generation Golf hat viel Zeit vor dem Fernseher verbracht und Big Brother geschaut. Heute wollen alle Superstar werden. Wie deuten Sie das?

Illies: Zur Zeit von Big Brother haben wir alle sehr viel gearbeitet und das Faulenzen an diese Gestalten delegiert, die dort auf dem Sofa lagen. Heute mag das keiner mehr anschauen, das Fläzen auf dem Sofa, weil leider sehr viele zwangsweise dazu verordnet sind, selbst zu Hause tagsüber auf dem Sofa zu sitzen. Durch die Wirtschaftskrise hat sich das Gefühl stärker durchgesetzt, dass man etwas dafür tun muss, um nach vorne zu kommen. Da passen Sendungen wie Deutschland sucht den Superstar oder Starmania doch ganz wunderbar ins Programm. Es geht plötzlich um das sonst so geschmähte Leistungsprinzip, kombiniert mit Starkult.

STANDARD: Welche drei Dinge werden von der Generation Golf bleiben?

Illies: Der Golf, glaube ich schon. Wir werden die erste Generation sein, die dafür sorgt, dass in den Altenwohnheimen Nutella im Schrank steht - und wir werden die sein, über die man sagen wird: "Wer hätte das gedacht?" (DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2003)

Zur Person

Florian Illies (32) begann seine journalistische Karriere mit einem Volontariat bei der "Fuldaer Zeitung". Er studierte Kunstgeschichte und landete 1997 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) im Feuilleton. Zwei Jahre später wurde er Leiter der "Berliner Seiten" der FAZ, dann Chef des Feuilletons der FAZ- Sonntagszeitung. 2000 veröffentlichte er das Buch "Generation Golf. Eine Inspektion", das über 52 Wochen auf der Spiegel- Bestsellerliste stand. Im Jahr darauf folgte "Anleitung zum Unschuldigsein". Sein neues Buch heißt "Generation Golf 2". Jüngstes Projekt: Illies ist Herausgeber von "Monopol - Magazin für Kunst und Leben", das im Frühjahr 2004 erstmals erscheint.(nim)

Mit Florian Illies sprachen Peter Mayr und Lisa Nimmervoll.

Chat-Nachlese

Florian Illies: "Fühle mich ja hier wie beim Gewerkschaftstag!"

  • Florian Illies fährt noch immer Golf, isst noch immer Nutella, nur Lindenstraße will er nicht mehr sehen.
In seinem neuen Buch "Generation Golf 2" erzählt er von seinen Altersgenossen, die endlich kapiert haben, dass es für das Leben kein Navigationssystem gibt. Aber Umwege erhöhen die Ortskenntnisse. Und im Übrigen gilt: "We are still confused,
but on a higher level."
    foto: heribert corn

    Florian Illies fährt noch immer Golf, isst noch immer Nutella, nur Lindenstraße will er nicht mehr sehen. In seinem neuen Buch "Generation Golf 2" erzählt er von seinen Altersgenossen, die endlich kapiert haben, dass es für das Leben kein Navigationssystem gibt. Aber Umwege erhöhen die Ortskenntnisse. Und im Übrigen gilt: "We are still confused, but on a higher level."

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