Wer führt?

3. Dezember 2003, 17:16
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Körpersprache und die Ordnung der Geschlechter - von Gastautorin Ruth Devime

Haben Sie sich schon darüber gewundert, dass ihnen Kleider ihrer Größe immer seltener passen, obwohl sie nicht zugenommen haben? Haben sie sich schon einmal gefragt, warum viele Frauen immer lächeln und Männer sich in der U-Bahn – und auch sonst überall – so breit machen? Fällt ihnen auf, dass ein männlicher Jugendlicher einfach annimmt, dass sie ihm ausweichen? Wundern sie sich über die Freundlichkeit von VerkäuferInnen einem männlichen Kunden gegenüber, die aber sofort aufhört, wenn sie bedient werden?

Gitta Mühlen Achs liefert ihnen die Antworten in ihrem wirklich feministischen Buch. Umfangreiches Bildmaterial zeigt auf, wie wir selbst durch nichtbewusste Muster unseres Verhaltens die altbekannte (UN)-Ordnung der Geschlechter immer wieder aufs Neue herstellen. Als Feministin der 80er-Jahre kennt frau Einiges und aus eigener Erfahrung auch. Wie es zur herrschenden "Papapropaganda" kommt wird hier erklärt. "Die spezifische Attraktivität von Vätern entwickelt sich offensichtlich weniger aus dem, was sie für ihre Kinder konkret tun, als aus dem, was sie für ihre Kinder repräsentieren. Es erstaunt daher kaum, dass Frustration und Groll, die aus einer wenig zufriedenen Vaterbeziehung erwachsen, häufig auf die Mütter abgeladen werden." Wie naiv die Forderungen nach "Männern" in den Erziehungsberufen sind, wissen radikale Feministinnen schon lange, aber hier wird es endlich wieder einmal genau erklärt und belegt, wie gefährlich und frauenfeindlich das ist!

Der Mythos "Sexuelle Gewalt an Mädchen" (ehemals "Missbrauch" genannt) komme mehr in zerrütteten Familien vor, wird hier entlarvt: "Sexuelle Gewalt an Mädchen (seltener an Knaben) wird durch den Familienverband überhaupt erst ermöglicht. Ein hoher Status schützt weniger das potentielle Opfer, als vielmehr den potentiellen Täter, ...". Viele andere Mythen zu Mädchen und Buben und zu Männer und Frauen werden hier aufgedeckt und es gibt viele wichtige Erkenntnisse, die es weiterhin zu diskutieren gibt: "Wir leisten uns scheinbar ungebrochen den zunehmend unvertretbaren Luxus, Empathie, Fürsorglichkeit, Respekt, Rücksichtsnahme, Freundlichkeit und insbesondere den Verzicht auf Gewalt gegen andere als Mittel zur Bearbeitung eigener Konflikte nur der Hälfte der Menschheit (den Mädchen!) systematisch anzutrainieren" ... und die Buben lassen wir weiterhin verrohen? Anhand gut nachvollziehbarer Alltagsbeobachtungen und -analysen wird gezeigt, wie wir unsere Selbstdarstellung und Kommunikation verändern können. Je mehr wir dies tun, um so größer ist unsere Freiheit.

Dieses Buch ist ein Plädoyer für den feministischen und kritischen Umgang mit Selbstverständlichkeiten, für die Entwicklung eines klaren Misstrauens gegenüber vorschneller Zufriedenheit mit dem bereits Erreichten und es sollte bei jeder Feministin im Bücherregal stehen!

Gitta Mühlen Achs:
Wer führt?
Körpersprache und die Ordnung der Geschlechter
Verlag Frauenoffensive
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    foto: buchcover
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