Die Generation der Identitäts-Switcher

7. Juli 2005, 15:46
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Die Kinder der "zweiten Generation", deren Eltern nach Österreich zugewandert sind, haben einen schwierigen Balanceakt zwischen zwei Kulturen zu meistern

Melek ist 17 Jahre alt. Sie geht in Wien ins Gymnasium, hört Popmusik, liest gern, trifft Freunde und will einmal Psychologie oder Jura studieren. Manchmal findet sie ihre Eltern etwas zu streng - wie jeder Teenie. Und Melek trägt seit einem Jahr ein Kopftuch: "Aus Überzeugung." Ihre Mutter, in Österreich aufgewachsene Türkin, trägt es auch, die Schwestern (zehn und zwölf) "noch nicht". Ihr Bruder (sechs) wird, wenn er so alt ist wie sie, "sicher mehr Freiheiten haben". Als Österreicherin, so Melek, "fühle ich mich nicht wirklich. Ich habe beide Kulturen in mir, aber die eine, die türkische, doch mehr."

"Sprachkenntnisse schützen vor Isolation"

Diese Spannung kennen wohl viele Migrantenkinder in Österreich. "Sie leben eigentlich in zwei Kulturen und wechseln zwischen ihren Identitäten", sagt Brunhilde Scheuringer, Soziologieprofessorin an der Uni Salzburg. Eine ihrer Studien über Migrantenkinder an der Hauptschule Hallein zeigte "doch ziemlich große Unterschiede". Deutlich größere zwischen türkischen und österreichischen Kids, weniger große zu Exjugoslawien. "Die kulturelle Distanz zum türkischen Kulturkreis ist offenbar sehr groß." Es gelte: "Sprachkenntnisse schützen vor Isolation."

"Back on Stage"

Isolation oder teilweise bewusste Abgrenzung beobachtet auch Peter Nöbauer, Leiter von "Back on Stage - Favoriten", einem Streetwork-Projekt des Vereins Wiener Jugendzentren: "Es wird sehr viel unter sich geblieben." Nöbauers Team ist zuständig "für alle Jugendlichen, die sich im öffentlichen Raum bewegen" - und das sind "bis zu 70 Prozent Zuwandererkinder, größtenteils aus der Türkei und Ex-jugoslawien". "Back on Stage" holt die Teenager in verschiedenen Wiener Bezirken nach dem Konzept der "mobilen Jugendarbeit" (mobilejugendarbeit.at) dort ab, wo sie sich hauptsächlich aufhalten: "In Parks, U-Bahn-Stationen, Gemeindebau-Höfen, aber auch in Wettbüros, da es dort keinen Konsumzwang gibt."

Dass Migrantenkinder mehr auf der Straße sind, resultiere aus kulturellen Traditionen des Herkunftslands der Eltern, aber auch mangelnden (finanziellen) Ressourcen, andere Jugendangebote zu nutzen: etwa Internet daheim.

Mädchen dürfen nicht so viel ...

Das Verhältnis ausländische Buben zu Mädchen, die ihre Freizeit im öffentlichen Raum verbringen, sei 70 zu 30. Wie von Melek für ihren Bruder erwartet, sieht Nöbauer auch, dass vor allem muslimische Mädchen "nicht so viel dürfen wie Buben. Wir merken einen Umbruch, wenn sie 14, 15 Jahre alt werden. Dann sieht man die Mädchen weniger bei unseren Aktivitäten."

... wie Buben

Buben wiederum "dürfen mehr, haben aber oft auch mehr Verantwortung, wenn sie auf die Schwester 'aufpassen' müssen." Auch Nationalismus spiele zwischen den Kids eine Rolle. Dafür "ist Religion in keinster Weise ein Problem", sagt Nöbauer. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 15/16.11.2003)

  • Traditionelles Kopftuch und hippe Kulttasche - kein Widerspruch für junge muslimische Frauen in Österreich.
    foto: heribert corn

    Traditionelles Kopftuch und hippe Kulttasche - kein Widerspruch für junge muslimische Frauen in Österreich.

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