Krampf der Kulturen

Redaktion, 24. November 2003 11:11
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    Foto: apa/ belga/ benoit doppagne

    Zu viel oder zu wenig Globalisierung? Staunen über andere politische Kulturen und die Art, wie sie die Globalisierungskritik in ihre nationale und regionale Mentalität umsetzen: Attac, ....

Frankophone Republikaner, deutsche Etatisten, italoiberische Anarchosyndikalisten, angloameri- kanische Individualisten: Der Facettenreichtum der Globalisierungskritiker hat viel mit politischen Traditionen zu tun

Es war nur eine kleine Szene, eine Episode, aber eine symptomatische. Als Pierre Bourdieu vor drei Jahren mit seiner Initiative "Raisons d'agir", einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus honorigen Sozialwissenschaftern, zornigen Arbeitslosenaktivisten und "Sans Papiers" (wörtlich: die ohne Ausweise; Illegale) aus Paris und Umgebung zu Gast in Wien war, saßen am Abschlusspodium neben Bourdieu Politaktivisten aus aller Welt: ein belgischer Tortenwerfer, eine Berliner Antirassistin, Menschenrechtsaktivisten aus Palästina und Israel etc.

Da wurde es plötzlich unruhig im "französischen Sektor". Bourdieu wiederum, so war später zu hören, war leise erschüttert über das schroffe Desinteresse seiner Mitstreiter an Problemen und Aktivismen, mit denen sie nichts zu tun haben. Womöglich hat Bourdieu, wiewohl er selbst auf seine Weise sehr französisch war, eine letzte politische Enttäuschung erlebt.

Dramatischer Höhepunkt

Es war die Zeit, als die Bewegung, die erst "Antiglobalisierungsbewegung" hieß, dann "globalisierungskritisch" genannt wurde und heute in Frankreich den "altermondialisme" repräsentiert - die "andere Globalisierung" - auf ihren dramatischen Höhepunkten zuging: Seattle lag etwas mehr als ein Jahr zurück; die Aktivisten packten ihre Ranzen, um erstmals ins brasilianische Porto Alegre zum World Social Forum zu pilgern, und die Spirale der Gewalt hatte noch nicht begonnen, sich hochzuschrauben; jene Dialektik von Militanz und kopfloser Repression, die von den Schüssen in Göteborg bis zum ersten Toten beim G-8-Gipfel in Genua führen sollte.

Jetzt ist viel von der neuen Revolte die Rede, der ersten Bewegung des globalen Zeitalters, von einem Universalismus, der nicht nur die Partikularismen der "One-Issue-Bewegungen" der 80er- und 90er-Jahre zu überwinden vermag, sondern auch die Grenzen zwischen Erster, Zweiter und Dritter Welt niederreißt. Globale Vernetzung ist der Schlüsselbegriff: brasilianische Gewerkschaftsführer und französische Bauernaktivisten in heiterer Kollaboration mit C-4-Professoren aus Bielefeld und philippinischen Anti-Multi-Agitatoren.

"Krach der Kulturen"

Und doch gibt es in diesem weiten Feld, wenn schon keinen Clash of Civilizations, so doch einen Krach der Kulturen, der nur schwer zu überdecken ist. In Frankreich und Deutschland (und auch in Österreich) wird die Szenerie beherrscht von Attac (worin auch Bourdieus Raisons d'agir weitgehend aufgegangen ist), einer globalen NGO, die Marktregulierung im Sinne einer keynesianischen Globalsteuerung auf transnationaler Ebene durchsetzen will. Sie vertritt im Grunde klassisch sozialdemokratische Positionen und hat eine starke etatistische Schlagseite, weil sie eben auf Maßnahmen der Regierungen setzt, auf supranationaler Ebene, aber auch auf nationalstaatlicher, so weit das noch möglich ist. In der französischen Szene, besonders in den einflussreichen Zirkeln um die Zeitschrift Le Monde Diplomatique, driftet das bisweilen ab in ein traditionalistisch-republikanisches Pathos, das nicht völlig frei von nationaler Frömmlerei ist.

In Italien wiederum sind die "Disobbedienti", die aus den spektakulären Auftritten der "Tute Bianche" hervorgingen - zupackenden Radikalen, die bei Demonstrationen in geschlossenen Formationen und weißen Overalls auftraten - gewissermaßen stilbildende Kraft. Deren Antikapitalismus, der aus den Traditionen der "Arbeiterautonomie" der Siebzigerjahre herrührt, ist basisorientierter und antietatistischer als sein deutsch-französischer Ableger. Hier spielt auch Attac eine geringere Rolle. Sie wollen, sehr verkürzt gesagt, den Kapitalismus nicht durch Marktregulationen zähmen, sondern ihm Inseln und Nischen abringen, in denen das Marktprinzip als solches sistiert ist.

"So viel Chaos wie Kohäsion"

"Es gibt so viel Chaos wie Kohäsion, Differenzen wie Einigkeit", schrieb Naomi Klein in einer ihrer Kolumnen über die Bewegung. Und diese Differenzen haben viel mit Geschichte zu tun. Ist die Globalisierungskritik in Deutschland, Frankreich und auch Österreich stark von der traditionellen Staatsfixiertheit der dortigen Linken geprägt, wurzelt sie in Italien, aber auch in den iberischen Ländern in deren lange zurückreichender anarchosyndikalistischer Tradition.

Eine völlig andere Kultur repräsentieren wiederum die Aktivisten in den USA, die stark geprägt sind von zivilgesellschaftlichem Individualismus und weitgehend unberührt sind von traditionellen Parteienformen. Die Zentren des Protestes gleichen eher Pressure-Groups und Thinktanks, die mit den klassischen Formen des politischen Lobbyismus des amerikanischen Systems manche Gemeinsamkeiten aufweisen. Eine der paradigmatischen Figuren ist Lori Wallach, die mit ihrer NGO "Global Trade Watch" (ein Subverein von Ralph Naders "Public Citizen"-Gruppe) die Proteste von Seattle organisiert hatte. Wallach, eine brillante Wirtschaftsanwältin, die sich in den "Dienst" der Bewegung gestellt hat, spricht gewissermaßen die Sprache der WTO-und GATT-Welt, sieht sich als "radikales Ärgernis" jener Etabliertenwelt, der sie selbst angehört. "Die Idee von Public Citizen ist, dass jeder in die Lage versetzt werden soll, seine Bürgerrechte wahrzunehmen." Hier liegt aller Ton auf Bürgerrechten und Demokratie, dass die Stimme der Bürger auch in der Gestaltung der Regularien des Marktes Geltung haben muss. Eigentlich geht es weniger um pro oder kontra Markt, um mehr oder weniger Globalisierung, nur sekundär um soziale, primär aber um politische Rechte.

Protagonisten

Unterhält man sich eingehend mit den führenden Protagonisten der Bewegung, spürt man schnell, dass da im besten Fall viel Erstaunen ist über andere politische Kulturen und die Art, wie sie die Globalisierungskritik in ihre nationale oder regionale Mentalität übersetzen. Susan George, die ehemalige Attac-Vizepräsidentin mit höchstem Renommee, räumt etwa ein, sie sehe keine andere Wahl, als über die Verteidigung nationaler Wohlfahrtsstaaten und via den Druck auf nationale Regierungen die globale Entwicklung zu beeinflussen. Michael Hardt dagegen, der mit Antonio Negri den Theoriewälzer Empire verfasst hat und seither ein Star der Szene ist, insistiert: "Es gibt nicht zu viel, es gibt zu wenig Globalisierung." (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.11.2003)

Von Robert Misik

Der Autor ist Journalist, Essayist und Buchautor und lebt in Wien. Jüngste Buchveröffentlichung: "Marx für Eilige", Aufbau Verlag, Berlin 2003.

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