Thomas Klestil, Bundespräsident: "Sich nichts dreinreden lassen"

7. Juli 2005, 15:46
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Als ich meinen 14. Geburtstag beging, 1946, war der 2. Weltkrieg nur etwas mehr als ein Jahr vorbei. Wien war von Bomben zerstört und viele meiner Klassenkameraden hatten entweder Hab und Gut oder Familienangehörige verloren. Oder beides ...

... Auch einer meiner Brüder ist im Krieg gefallen. Für die Mehrzahl von uns Kindern war es weniger die Zukunft, die uns interessierte, sondern die Frage, ob wir ausreichend Mehl bekommen würden, um Brot zu backen. Eine schlimme Armut hatte weite Teile der Menschen in den Städten erfasst. Halt bot mir in dieser schweren Zeit ein "Jugendclub", der von einem Salesianerpater, Friedrich De Bray, betrieben wurde, wo Kinder und Jugendliche auch Zusammengehörigkeitsgefühl und soziale Verantwortung lernen konnten.

Da mein Vater schon 1942 verstorben war, musste meine Mutter für uns Kinder alleine sorgen. Das hat mich - ich war der Jüngste - sehr beeindruckt und mir gezeigt, zu welchen Leistungen eine aufopfernde Liebe fähig ist. Ein anderes Erlebnis hat meinen Berufsweg wohl nachhaltig geprägt: Ich wurde unter großen Mühen meiner Mutter aufs Gymnasium in die Hagenmüllergasse geschickt. Und dort störte ich eines Tages den Unterricht - wie Kinder eben so sind. Da fragte mich der Professor, was mein Vater beruflich gewesen wäre. Ich antwortete: "Straßenbahner". Darauf der Lehrer: "Dann wirst halt auch Straßenbahner, da hast du hier in der Schule nichts verloren."

Nicht dreinreden lassen, wenn man von einer Entscheidung für sein Leben überzeugt ist

Vielleicht fasste ich damals den Entschluss, jenen Weg einzuschlagen, den ich gegangen bin. Für mich ist heute noch klar, dass man zwar nicht aus Trotz oder Wut einen bestimmten Beruf wählen soll, aber sich ganz bestimmt nicht dreinreden lassen muss, wenn man von einer Entscheidung für sein Leben überzeugt ist. Es kommt nie ausschließlich darauf an, was man macht, ganz wichtig ist, wie man handelt. Die Art, wie jemand seinen Lebensweg geht, ist entscheidend. Und vielleicht ist das für unser Zusammenleben so wichtige Fairplay ein Geheimrezept für ein zufriedenes Leben.

Wir leben nicht alleine, sondern immer im Verband mit anderen Menschen. Das bedeutet aber auch, dass nicht nur einer seinen Kopf durchsetzen kann, sondern alle gemeinsam sinnvolle Lösungen finden müssen. Ich hoffe und wünsche der heutigen Jugend, dass sie engagiert an einer offenen und solidarischen Gesellschaft arbeiten kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.11.2003)

Thomas Klestil wurde am 4. November 1932 in Wien geboren. Nach dem Studium, das er 1957 mit dem Doktor der Handelswissenschaften abschloss, trat er in das Bundeskanzleramt ein. Er war unter anderem Botschafter in Washington. Seit 1992 ist Klestil Bundespräsident, 1998 wurde er für weitere sechs Jahre gewählt.

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    foto: standard/matthias cremer
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