Junge Männer unter Schönheitszwang

7. Juli 2005, 15:46
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Jugendliche investieren viel Zeit in ihr Aussehen - und zunehmend unterliegen auch Burschen dem Zwang zur Ästhetik

Sich von Erwachsenen optisch abzugrenzen wird immer schwieriger. Und fest steht: Wer den Körpernormen nicht entspricht, hat's schwer.

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Wien - "Puh, das nervt, wenn Erwachsene auf jugendlich machen", ächzt Jakob (15) in der hippen Abteilung eines Kaufhauses. Tatsächlich: 40-bis 50-Jährige tragen die neuesten Boxerstiefeln in den abgedrehtesten Farben, und unter kurzen Tops glänzt gelegentlich ein kleines Piercing am nicht mehr ganz taufrischen Bauchnabel. "Man macht sich ein bissl lächerlich bei den Jugendlichen, wenn man sich ihrer Kultur zu sehr anbiedert", weiß Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung jugendkultur.at. "Vor allem, wenn man ihren Jargon imitiert."

Klientel der Schönheitschirurgie wird immer jünger

Jugendliche verwenden sehr viel Energie für ihr Aussehen. Es gilt als Bereich, in dem man selbst "gestalten" kann. Selbst plastischen Eingriffen, etwa einer kleiner Nasenoperation, ist man zunehmend weniger abgeneigt. Die Klientel der Schönheitschirurgie wird immer jünger. Wobei auch das männliche Geschlecht neuerdings ästhetischen Zwängen unterworfen ist. Bisher betraf das hauptsächlich Mädchen. Mittlerweile ist es nicht mehr ungewöhnlich, wenn sich 14-jährige Burschen die Haare färben.

Im Rahmen der im Auftrag des Sozialressorts erstellten, aktuellen Jugendstudie sagen rund drei Viertel der weiblichen und die Hälfte der männlichen Befragten, dass sie "sehr viel" oder "eher viel" Zeit für die Pflege ihres Körpers aufwenden. Junge Frauen betrachten ihre äußere Erscheinung selbstkritischer als Männer.

Vorbilder in der Populärkultur

Modische Vorbilder finden sie in der Populärkultur: Sänger, der Musiksender mtv, Jugendzeitschriften, eventuell auch Starmania. Die Jungen versuchen, optisch einen "individuellen Stilmix" zu finden. Provozieren ist dabei nicht mehr unbedingt angesagt - und auch schwieriger geworden. Die Generationenkluft ist nicht nur beim Outfit geschrumpft, das Verhältnis ist relativ entspannt.

Doch untereinander sind Junge oft gnadenlos, sollte jemand nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. "Wenn man so ein pummeliges Buberl ist, hat man es nicht leicht", sagt Großegger. Innerhalb einer Clique wird man akzeptiert - etwa auch Behinderte -, sagt die Forscherin. Doch das Kennenlernen ist schwierig. "Wahnsinnig offen geht man nicht auf Leute zu, die ein bissl anders sind. Der erste Eindruck zählt."

Zahl der Übergewichtigen nimmt zu

Doch die Zahl dieser "anderen", nämlich Übergewichtigen, nimmt derzeit stark zu, wie Ernährungsmediziner Kurt Widhalm von der Uniklinik Wien berichtet. Gleichzeitig steige aber auch die Zahl der Magersüchtigen - und ein neues Phänomen ist, dass auch Burschen davon betroffen sind. "Das hat es früher nicht gegeben." Widhalm sieht Magersucht als "Reaktion auf die Wohlstandsgesellschaft", jedenfalls als ernsthafte psychiatrische Erkrankung. Manchmal führe sogar bei Dicken eine zu rigide Therapie in die Magersucht.

Insgesamt wünscht er sich mehr Augenmerk auf die übergewichtigen Jugendlichen. "Sie sind oft viel mehr gekränkt, als wir wahrhaben wollen." Schlechte Noten in Turnen für Dicke zum Beispiel hält er für kontraproduktiv. Das sei ja wohl nicht gerade motivierend, um Freude an der Bewegung zu entwickeln. Turnen sollte überhaupt nicht benotet werden.

Schulbuffets prinzipiell auf Radieschen und Karotten umzustellen, fände Widhalm als nicht zielführend. "Es gibt auch nach wie vor viele Magere, die durchaus eine Schokolade nötig hätten." (Martina Salomon/DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2003)

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    Aussehen ist wichtig, Provokation nicht unbedingt angesagt. Der Körper wird "gestaltet" - und gern hergezeigt, siehe Love-Parade.

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