Wie Superman auf Skiern

30. April 2004, 10:20
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Bergski vor Talski, die Hand zum Berg ausstrecken und losfahren. So einfach kann Carving sein, hat man sich mit Feldenkrais vorbereitet.

Der Skitag eines Feldenkrais-Schülers beginnt mit Bodenkontakt. Nicht auf der Piste, wohlgemerkt, dafür auf einer Wolldecke. "Alles geht vom Boden aus", sagt Erhard Klammerth, Feldenkrais-Lehrer. Der Schüler liegt also flach und tut, wie ihm geheißen: Erhard will wissen: "Wo liegt ihr auf? Wo schwebt ihr? Welche Teile spürt ihr? Wie lang ist der Abstand von der rechten Achsel bis zur rechten Hüfte, liegen beide Körperhälften gleich auf?" Feldenkrais-Seminare beginnen immer gleich. Während der ersten Minuten sind es Fragen wie diese, die interessieren.

Aus seinem Interesse an der Bewegungsmechanik und deren Beziehung zur Neurophysiologie entwickelte der 1904 in Russland geborene Physiker Moshé Feldenkrais die nach ihm benannte Methode. Feldenkrais glaubte, dass alle seelischen und geistigen Spannungen im Körper ihren Niederschlag und Ausdruck finden. "Führen wir den Körper in seine natürliche Bewegungsfreiheit zurück, können Seele und Geist individuelle Entfaltung finden", erklärt Erhard Klammerth.

"Mein rechtes Bein fühlt sich schwerer an", regt sich in einem der Liegenden das Bedürfnis, Feedback zu geben. Den Lehrer interessiert dergleichen nicht wirklich: "Es gibt kein Richtig und Falsch, probiert es einfach aus." Wer schwätzt, verliert die Verbindung zum Körper.

Klammerth will kein Therapeut im herkömmlichen Sinn sein, Lösungen, wie man Bewegungen einfach und ohne Anstrengung durchführt, müssen "von einem selbst" kommen. Die Methode folgt dem Weg des organischen Lernens, die Art, wie etwa Kleinkinder lernen, in ihrem Tempo ins Sitzen, Stehen, Gehen oder Sprechen zu kommen: "Entdecken statt einüben", meint Klammerth.

Eineinhalb Stunden dauert es dann auch, bis der Schüler auf der Matte es intus hat, leicht aufzustehen. Und zwar so: Rechtes Bein anziehen, über das liegende linke kreuzen und nach innen fallen lassen. Dadurch heben sich Rumpf und Kopf und drehen wie von selbst in Richtung Bauchlage. Hände aufstützen, rechtes Bein hochstellen, linkes nachziehen, aufstehen. Alles in einem Fluss, ganz einfach und ohne Anstrengung.

"Mit Esoterik hat das nichts zu tun", betont Nicola Werdenigg, frühere Skirennläuferin und nunmehrige Organisatorin von Feldenkrais-Ski-Workshops. Mit Erhard Klammerth geht sie dabei eine Arbeitsgemeinschaft ein: Er führt die Feldenkrais-Seminare, sie zeigt dem solchermaßen ideal vorbereiteten Schüler die Lust am Carvingstil.

Feldenkrais und Skifahren würden dabei perfekt harmonieren: Durch die in den Übungen trainierte erhöhte Bewusstheit ließen sich überflüssige Anstrengungen vermeiden. Anstrengungen, die die Leistungsfähigkeit mindern. "Ich bin überzeugt davon, dass Feldenkrais die beste Vorbereitung zum Skifahren ist", sagt sie. "Man lernt, bewusster und geschickter zu leben, entwickelt auf ganz natürliche Weise Geschwindigkeit, Stärke und Beweglichkeit." Jede Art von Sport werde dadurch produktiver – und vor allem vergnüglicher. "Wir haben Feldenkrais vor 20 Jahren entdeckt", erzählt Werdenigg. Ein in einer Badekabine gefundenes Buch ebnete den Weg: Bis zum ersten Versuch dauerte es schließlich ein Jahr, danach ließ es sie nicht mehr los. Der zentrale Gedanke: "Hätte ich davon nur schon früher gewusst."

Nicola Werdenigg, geborene Spieß, entstammt einer Zillertaler Skilehrerdynastie, ihr Bruder Uli schreibt Skigeschichte, weil er als Erster in Gröden die Kamelbuckel überspringt. Nicola selbst fährt mit 15 ihr erstes Weltcuprennen, 1976 wird sie in Innsbruck Olympiavierte in der Abfahrt. Zu einer Zeit, als das österreichische Damenteam so stark war wie heute die Herrenmannschaft. Harte Zeiten hat sie hinter sich, heute will sie vor allem eines: ihren – mitunter aufgrund überfüllter Pisten und zweifelhafter Pistenromantik ein wenig desillusionierten – Schülern die Freude am Skifahren wieder zeigen.

Weg vom Trockentraining, raus auf die Piste: Der Feldenkrais-Schüler steht auf ungewohnt breiten Skiern, ganz ohne Stöcke: "Die brauchst du nicht", sagt Nicola.

Carven lernen ist nach Werdeniggs Methode bestechend einfach: Den Bergski ein Stück vor dem Talski, die Hand zum Berg ausgestreckt halten und losfahren. Das sieht am Beginn so aus, als würde man am Hang nach netten Menschen suchen, die einem die Hand schütteln. "Spielt euch damit", sagt Nicola. Also wird gespielt, bis sich ein Gefühl einstellt, man sei eine Art Superman auf Skiern: Eine Hand zieht energisch nach vor, Schwung, die andere zieht vor und so weiter.

"Lass die Bewegung fließen." Die Schultern gehen mit, die Hände zeigen nach außen, plötzlich fährt man mit einer seltsam anmutenden Wischbewegung, hin und her – die Ski drehen wie von selbst. Ein eigenartig befreiendes Gefühl.

Werdenigg ist überzeugte Carving-Skiläuferin. Die aktuelle Entwicklung, Ski wieder weniger tailliert herzustellen, missfällt ihr. "Die haben einfach nicht geschnallt, dass man mit taillierten Skiern anders umgehen kann. Dass man den Schwung mit viel weniger Kraft über die Skispitze am Innenski auslösen kann."

Und weil sich ein Umdenken nicht abzeichnet, produziert Werdenigg mittlerweile selbst Skier, handgemacht und quasi aus einem Guss. Sie ist maßgeblich an einem Projekt beteiligt, dessen Inhalt die individuelle Gestaltung von Skioberflächen und Skiern in Manufakturqualität ist.

"Männer haben ganz andere Muster beim Gehen als Frauen. Darauf muss man auch bei der Skiherstellung Rücksicht nehmen." Werdenigg und Klammerth bemühen sich, in ihren Seminaren darauf und auf noch einiges mehr zu achten. "Beim Skifahren kann man sich so viel Gutes tun", schwärmt Werdenigg. Nicht, weil man sich selbst beweisen und besonders steile, schwere Abfahrten bewältigen müsse. Werdenigg plädiert für die Entdeckung der Langsamkeit. Und das ist trotz ihrer perfekt gezogenen Schwünge kein Widerspruch. "Was man kann, kommt aus einem selbst." (Der Standard/rondo/14/11/2003)

Von Doris Priesching

Info

Nicola Werdenigg, 1090 Wien, Julius-Tandler-Platz 6/4, www.kunstpiste.com bzw. www.edelwiser.com; nicola@kunstpiste.com
Der nächste Feldenkrais+Ski-Workshop findet von 5. bis 8. Dezember in Hochfügen statt.

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