Elmar Walter im STANDARD-Interview: "Auf der Suche nach Raum"

7. Juli 2005, 15:46
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Sinn im Leben finden, Antworten im Glauben: Auch heute noch sei das ein zentrales Anliegen junger Menschen, meint der Theologe und Diözesansekretär bei der Katholischen Jugend

STANDARD: Was bedeutet Glauben für die Jugendlichen?

Walter: Glauben ist für Jugendliche etwas sehr Buntes und ist breit gefächert. Dazu gehören unter anderem esoterische Glaubensvorstellungen wie zum Beispiel Glaube an Naturgeister, Kontaktaufnahme mit Toten, Hellsehen, Heilkräfte von Steinen, Astrologie, Telepathie, der Glaube an Reinkarnation und vieles andere mehr. Der christliche Glaube spielt nach wie vor eine Rolle, aber bei weitem nicht mehr in der Bedeutung wie noch vor Jahren.

STANDARD: Unterscheiden die Jugendlichen zwischen Glauben und Religion?

Walter: Ja. Zunehmend haben Jugendliche Probleme mit Institutionen - das betrifft auch die Kirchen. Gleichzeitig steigt die Religiosität. Damit ist sie aber auch schwerer fassbar. Wie religiös oder gläubig sind Jugendliche? Immer wieder machen wir die Erfahrung bei unseren Angeboten (zum Beispiel: "link.lose.live", Orientierungstage, katholische-jugend.at), dass junge Menschen auch heute noch auf der Suche nach Sinn in ihrem Leben sind und Antworten im Glauben suchen.

STANDARD: Mit welchen Problemen kommen Jugendliche zur Ihnen?

Walter: Jugendliche sind auf der Suche nach Raum. Ohne Zwang, ohne Zweck, ohne Leistungsdruck. Wir sehen es als eine unserer Hauptaufgaben, ihnen dieses Raum zu öffnen oder ihnen diese Räume zur Verfügung zu stellen. Das ist im wörtlichen wie im übertragenen Sinn gemeint. Diese Räume ermöglichen Jugendlichen ihre altersgemäßen Probleme zu artikulieren, sie an-und auszusprechen und sich damit zu beschäftigen. Liebe, Sexualität, Partnerschaft sind genauso Thema wie Freundschaft, Gemeinschaft, soziales Engagement und Schul- und Generationsprobleme.

STANDARD: Was erwarten Jugendliche von der Kirche, der Seelsorge?

Walter: Eine lebensnahe Beschäftigung mit ihrer Lebenssituation. Jugendliche wollen ernst genommen sein mit ihren Fragen, Sorgen und auch Ängsten. Wegbegleiter sind gefragt, solche die ausleuchten, Widerstand bieten, da stehen oder weitergehen, Zeugnis geben oder schweigend zuhören, jung geblieben oder klug geworden sind, menschliche und übermenschliche.

STANDARD: Wie verhält sich das Interesse der Jugendlichen an der Religion? Ist es eher zunehmend oder abnehmend?

Walter: Das Interesse der Jugendlichen an der Religion (und das betrifft alle) ist nicht abnehmend, zunehmend ist vielmehr der Vertrauensverlust institutionellen Religionen gegenüber. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2003)

  • Elmar Walter
    foto: standard

    Elmar Walter

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