"Ich gehe davon aus, dass Morak überlegt, was er tut"

Redaktion, 21. November 2003, 19:16

Gerhard Schedl, (Noch-) Leiter des österreichischen Filminstituts, über den Diagonale-Konflikt

"Ich gehe davon aus, dass Morak überlegt, was er tut" , sagt der (Noch-)Leiter des österreichischen Filminstituts (ÖFI), Gerhard Schedl. Im Gespräch mit Claus Philipp erklärt er aber, was trotz aller Überlegungen im Argen liegt. Die ÖFI-Ausschreibung erfolgte zu spät, eine Diagonale 2004 hält Schedl für kaum möglich.


STANDARD: Diagonale oder Gegen-Diagonale: Sie haben sich zu diesem Konflikt bis dato öffentlich nicht geäußert. Wie sehen Sie die Lage?

Gerhard Schedl: Ich war erst kürzlich bei dem runden Tisch zugegen, an dem der Produzentenverband mit den anderen Verbänden darüber verhandelt hat, ob man jetzt bei der neuen Diagonale mitmacht oder nicht. Es war eines der unerfreulichsten Erlebnisse, die ich seit langem gehabt habe: Die Fronten sind völlig verhärtet. Alle ziehen sich auf mehr oder weniger strikte Positionen zurück. Da fragte ich, doch ziemlich irritiert, ob wir keine anderen Sorgen haben.

STANDARD: Sie spielten damit auf das mittlerweile weit verbreitete Argument an, dass der Diagonale-Streit nur ein Nebenschauplatz einer viel größeren Anhäufung von Problemstellungen für die heimische Filmbranche darstellt?

Schedl: Genau. 2004 laufen die bestehenden EU-Regelungen in Sachen Filmförderungen aus. Auch die Filmbranche wird sich - nicht zuletzt in Koproduktionsfragen - mit einem erweiterten Europa auseinander zu setzen haben.

STANDARD: Das heißt, die von Franz Morak zuerst angedachte Novellierung des Filmförderungsgesetzes, die der Staatssekretär jetzt wegen des Diagonale-Streits zurückgestellt hat, wäre ohnehin schnell obsolet geworden? Seine Erklärung, er hielte eine Novellierung in eine "von den Medien aufgeheizte" Stimmung hinein für problematisch, ist dann doch ein Feigenblatt für seine bisherige Nichtinformiertheit darüber, was eigentlich ansteht.

Schedl: Die Interpretation liegt bei Ihnen. Ich sage Ihnen die Dinge jetzt einmal so, wie sie sich für mich darstellen. Tatsache ist: Vor einer Novellierung müssen wir uns zuerst einmal in Sachen EU orientieren - und dieses Problem stellt sich für alle Filminstitute in Europa. Da kommen zweifellos Dinge auf uns zu: Es gilt, Marktprofile zu ermitteln - bis dato wissen wir viel zu wenig darüber, an welches Publikum sich unsere Filme überhaupt wenden -, Serviceleistungen weiter auszubauen, Kompetenzen, die derzeit noch auf verschiedene Stabsstellen verteilt sind, zu bündeln, Multiplikatoren zu finden, die über das ÖFI hinaus Synergien in den einzelnen Fachbereichen entwickeln. In dieser Hinsicht gilt es auch das ÖFI-Kuratorium und seine Zusammensetzung neu zu überdenken.

Vermutlich ist auf Dauer ein Universalist an der Spitze des ÖFI auch überfordert: Der oder die Betreffende wird eher Eignungen vorweisen müssen, Netzwerke aufzubauen. 2004 wird ein in jeder Hinsicht forderndes Jahr.

STANDARD: Nun wurde ja die Führung des ÖFI kürzlich neu ausgeschrieben. Sie werden sich nicht bewerben. Warum?

Schedl: Weil das nicht üblich ist. Wer wissen will, was ich leisten kann, muss sich nur die Arbeit ansehen, die ich in den letzten 22 Jahren gemacht habe. Um eine Verlängerung meines Vertrages zu betteln, das habe ich, mit Verlaub, nicht nötig.

STANDARD: Das heißt, Sie gehen tatsächlich?

Schedl: Das heißt bis dato, die Ausschreibung läuft, und mir hat man kein Angebot gemacht. Mit einer Bitte aber ist man vonseiten des Staatssekretariats bereits an mich herangetreten: Ob ich nicht in einer Übergangsphase beratend beistehen könnte. Das kann ich mir vorstellen. Es hängt aber davon ab, wer da bestellt wird und ob bei ihm oder ihr eine Unterstützung aus meiner Sicht Sinn macht.

STANDARD: Aber hätte sich Morak so ein plötzliches Anklopfen bei Ihnen nicht erspart, wenn er die ÖFI-Ausschreibung besser geplant und früher vollzogen hätte?

Schedl: Ich gehe davon aus, dass er sehr genau überlegt hat, was er tut. Und dass er dafür womöglich auch Kandidaten im Auge hatte. Es wäre nur arg, wenn diese Kandidaten ausfallen, sich doch als ungeeignet erweisen oder von der Branche schlicht nicht akzeptiert werden. Hier nachzubessern wäre vor dem Hintergrund dessen, was 2004 alles bevorsteht, fatal. Dafür erfolgte die Ausschreibung zu spät.

STANDARD: Zu spät: Das führt uns wieder zum symptomatischen Nebenschauplatz Diagonale. Wo liegt da Ihrer Meinung nach der Hund begraben?

Schedl: Dafür muss man ein bisschen weiter zurückgehen. Ich erinnere nur daran, wie die Diagonale zustande kam: Für eine große Retrospektive namens Landvermessung gelang es uns 1991 vom ÖFI aus, unterschiedlichste Kräfte und Interessen des heimischen Kinos zu bündeln - über die Differenzen und unterschiedlichen Interessenslagen hinweg, die immer schon zur Branche und damit auch zu den unterschiedlichen Jahresfilmschauen gehört haben.

Aus dieser Landvermessung heraus, bei der Spielfilm, Dokumentarfilm und Avantgarde gleichberechtigt nebeneinander standen und die zuallererst einmal von inhaltlichen und ästhetischen Fragen getragen war, entstand die Diagonale. Zuerst hat sie sich in Salzburg schwer getan. Dann hat sie in Graz unter Constantin Wulff und Christine Dollhofer gegriffen. Leider haben aber auch die Intendanten, die im Übrigen sehr erfolgreich waren, einen Fehler gemacht.

STANDARD: Welchen?

Schedl: Sie haben darauf beharrt, dass die Leitung des Festivals immer von der Bundespolitik bestimmt wird. Ich hatte Morak schon einmal davon überzeugt, dass er auf dieses Erinnerungsrecht verzichten kann. Nein, Wulff und Dollhofer bestanden darauf, unter dem Motto: Das garantiert die Finanzierung des Festivals durch den Bund. Das funktioniert aber nur so lange friktionsfrei, wie eine gute Zusammenarbeit mit der Politik gegeben ist. Und die ist, wie man sah, nicht garantiert.

STANDARD: Diagonale oder Gegen-Diagonale: Wie würden Sie entscheiden?

Schedl: Die Frage stellt sich vielleicht bald gar nicht mehr: Mir will scheinen, dass man guten Gewissens für den März 2004 eine Diagonale in der beabsichtigten Fassung ordentlich nicht mehr ausrichten kann. Die Zeit ist knapp, und die Situation völlig verfahren. Ich schlage stattdessen vor, für 2005 wieder ein Festival ins Auge zu fassen, das wirklich von allen getragen wird.

STANDARD: Wäre das unter Miroljub Vuckovic und Tillmann Fuchs noch denkbar?

Schedl: Das müssen die Betroffenen für sich entscheiden. Ich sage nur: Für endlosen Hickhack haben wir keine Zeit. Derzeit gilt es, wichtigere Entscheidungen zu treffen. Und ich werde daher versuchen, zu diesem Thema eine Diskussion im ÖFI zu organisieren. Vielleicht kommt man da auf einen grünen Zweig.

STANDARD: Sie scheinen nicht gewillt, der Politik in dieser Sache öffentlich eine Schuld zuzuweisen.

Schedl: Ich habe es selbst nicht gern, wenn man mir Dinge über die Medien ausrichtet. Damit würde ich auch niemandem einen guten Dienst erweisen. Ich sage nur: In den letzten Monaten hat sich die vorher eher zähe Kommunikation mit dem Staatssekretariat verbessert. Das Filmbudget wurde aufgestockt. Der neue Fernsehfonds ist eine echte Chance. Man signalisiert Lernfähigkeit. Ich rede jetzt einmal mit allen Beteiligten: Wer weiß, was herauskommt. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2003)

Siehe auch einen Kommentar zur Lage:
Morak im Porzellanladen
Von Claus Philipp

Zur Person

Gerhard Schedl, 1941 geboren, ist seit über 20 Jahren eine der dominanten Schlüsselfiguren der österreichischen Filmpolitik:

Den unter seiner Führung 1981 ins Leben gerufenen "großen" österreichischen Filmförderungsfonds überführte er über die Jahre und mehrere Gesetzesnovellen hinweg in ein Österreichisches Filminstitut.

Der einstige Student der Wiener Hochschule für Musik und darstellende Kunst war in Jugendtagen selbst als Filmemacher und Produzent tätig.

Kommentar

Morak im Porzellanladen
Von Claus Philipp

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