Wachstum gegen die Wand?

1. Dezember 2003, 14:07
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Notizen zu Realitätsverlust und Ökokrise - ATTAC-Kommentar von Andreas Exner & Ernst Schriefl

Es ist wieder einmal in aller Munde: Das Wirtschaftswachstum. Zuwenig haben wir davon, beklagen alle. So hat nun die Regierung ein Konjunkturpaket geschnürt. Und die Opposition stimmt ein: Oh wundervolles Wirtschaftswachstum! Orientiert man sich am Prinzip der Nachhaltigkeit, so kommen manchen leise Zweifel. Wirtschaftswachstum, möglichst endlos? Ja, ist denn das die Möglichkeit? Klar ist zumindest eines: Wir können nicht auf Dauer mehr Ressourcen verbrauchen, als die Natur uns gibt. Wir dürfen nicht auf Kosten unserer Kinder und der armen Länder leben. Das angesehene Wuppertal-Institut hat 1996 die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" dazu gemacht. Das Resultat: Bis 2050 sei in Deutschland der Verbrauch an nicht erneuerbaren Ressourcen um rund 90% zu reduzieren. Ähnliches ist für alle OECD-Staaten anzunehmen.

Endloses Wirtschaftswachstum in einer endlichen Welt?

Wirtschaftswachstum wird in Geld gemessen. Könnte nicht der Geldreichtum auf ewig wachsen und der Ressourcenverbrauch zugleich zurückgehen? Warum nicht Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln? Im Prinzip ist das schon möglich. Aber nur zum Teil. Erstens verbraucht jeder Wirtschaftsprozess Energie und Material. Selbst die meisten Dienstleistungen hängen, von Marketing bis EDV, am Wachstum der Industrie und fressen selbst Ressourcen. Wächst die Wirtschaft, muss die Ressourcenersparnis um ein Vielfaches wachsen, damit die ambitionierte Verbrauchsreduktion erreicht wird. Das aber ist schon rein technisch in hohem Maße unrealistisch. Zweitens ersparen sich Firmen meistens Geld, wenn sie Ressourcen sparen. Die Konkurrenz erzwingt, es wieder in die Produktion zu investieren. Damit ist der positive Umwelteffekt dann oft im Eimer.

Zwar kann man nicht erneuerbare durch erneuerbare Ressourcen ersetzen. Allerdings ist die Landfläche für die "Erneuerbaren" begrenzt. Auch der "ökologische Umbau" kann nur ein Programm auf Zeit und kein Garant gesamtwirtschaftlichen Wachstums sein. Je mehr Zugverkehr, desto weniger Privatautos. Wenn der Umbau fertig ist, gibt's auch kein "ökologisches Wachstum" mehr. Aber der Sektor persönlicher Dienstleistungen, kann der nicht ewig wachsen? Stellt sich die Frage, wer denn das zahlen soll. Und will. Ist ein Leben frei von Angst nicht besser als eine wachsende Psychobranche? Die Zeit, um die persönlichen Dienste auch zu konsumieren, ist jedenfalls begrenzt.

Entwicklung statt Wachstum

Wohlstandsindikatoren zeigen: Wachstum bringt in reichen Ländern schon seit geraumer Zeit keine Lebensqualitätsverbesserung mehr. Ohne Wachstum aber steigt die Arbeitslosigkeit und kriselt's in der Wirtschaft. Das ist das "Naturgesetz" des Marktes. Die Verwalter dieser Lebensweise nehmen die Ökokrise nicht mehr zur Kenntnis, weil sie keine Lösung bieten können. Denn diese Lebensweise ist selbst das Problem. Regierungen werden weiterhin Konjunkturpakete schnüren, wir aber könnten entwickeln, was ansteht: Eine neue Art des Wirtschaftens. Ohne Zwang zum Wachstum.

Nachlese

--> Die Verteidiger Bartensteins arbeiten ohne Beweise
--> Feministische Voest-Gedankensplitter
--> Standpunkt zum Standort
--> Öffentliche Beihilfe zum Steuerschwindel
--> Vollbeschäftigung ist aus, ...
--> In die Krise steuern
--> Für die Gesunden wird's billiger
--> EU: Wasser ist Ware – und sonst nichts
--> Der Preis des langen Lebens
--> Schenkungssteuer für alle
--> Brennpunkt Brennerautobahn
--> EU-Zinsregelung: Kuhhandel mit Folgen
--> Gentech: WTO gegen Demokratie
--> Mit uns ist zu rechnen
--> Vergessene Schrauben der Pensionen
--> Gender im neuen Budget
--> Venezuela: Erstes Land mit Tobinsteuer
--> Die geraubte Wunschfigur
--> Haftung für Diktaturen
--> Wege aus der Schuldenkrise
--> Synergien für Renditejäger
--> Bankgeheimnis und Globalisierung
--> Das schwarze und das blaue Gold
--> US-Kriegslogik: Lokal denken, global handeln
--> GATS oder der Angriff auf die armen Länder

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen. Unter dem Motto "Globalisierung braucht Gestaltung" schreibt ein Team von ATTAC Austria ein Mal wöchentlich einen Kommentar.

"ATTAC ist ein globales Netzwerk von Globalisierungs- kritikerInnen, das 1998 in Frankreich entstanden und seither in 40 Ländern weltweit aktiv geworden ist. In dieser Kolumne nimmt ATTAC Stellung zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen und stellt Alternativen zur neoliberalen Globalisierung vor."

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ATTAC Austria

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