"Irréversible": Die verkehrte Gewaltspirale

15. Juli 2004, 12:31
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Gaspar Noés Vergewaltigungsdrama "Irréversible" schockt den Zuschauer mit expliziter Gewalt

Ein programmierter Skandalfilm eines Regisseurs, der nur zu gut weiß, wie er sein Publikum spalten kann, kommt jetzt auch in die österreichischen Kinos.


Wien - Was geschehen sein wird: Der Anfang ist das Ende eines Films im zweiten Futur.

Ein verletzter Mann wird aus dem SM-Schwulenclub "Rectum" getragen. Aber erst die Szene danach zeigt, was dort tatsächlich geschehen ist: Zwei aufgebrachte Männer stürmen das Lokal auf der Suche nach dem ominösen La Ténia. Die Kamera taumelt benommen mit, fängt schemenhafte, dennoch explizite Bilder aus dem Darkroom ein. Und dann - Achtung: erster Höhepunkt! - ein brutaler Mord: Mit einem Feuerlöscher wird ein Gesicht zerschmettert. Schlag um Schlag.

Der französische Regisseur Gaspar Noé (Seul contre tous) weiß recht gut, wie man ein Publikum zu spalten vermag. Vor zwei Jahren war sein Film Irréversible in Cannes der programmierte Skandal. Das sichert Aufmerksamkeit. Ein Rape-Revenge- Movie - dem Exploitation-Feld zugehörig, in den 70ern in Serie produziert, auf die Vergewaltigung folgt mit eiserner Gesetzmäßigkeit der Racheakt - wird kunstwillig auf Arthouse- tauglich getrimmt.

Noé verkehrt, vergleichbar Christopher Nolans rückwärts gerichtetem Thriller Memen- to, die dramatische Struktur. Szene für Szene arbeitet sich Irréversible an einen Ausgangspunkt der Handlung zurück, erreicht in der Mitte den Schauplatz der Vergewaltigung und am Ende das Tageslicht einer scheinbar noch intakten Welt. Indem Noé mit der Rache beginnt, diese aber bloß als krude Gewalttat ohne Zusammenhang erscheint, nimmt er dem Zuschauer sein sadistisches Vergnügen an jeder Identifikation.

Spiel mit Provokation

Dennoch bleibt sein Umgang mit Gewalt zumindest fragwürdig: Nicht unbedingt deshalb, weil die Vergewaltigung in voller Länge (es sind etwa acht Minuten) gezeigt wird, wodurch offenbar nur die Betroffenheit gesteigert werden soll. Noé wählt am in rotes Licht getauchten Tatort auch eine Perspektive, die vor allem das Leiden des Opfers Alex in den Vordergrund rückt. Dass diese von einer im Seidenkleid aufreizend gekleideten Monica Bellucci verkörpert wird, ist allerdings mit Absicht spekulativ - und ein allzu kokettes Spiel mit der Provokation.

Anders als Coralies Trinh This und Virginie Despentes' Film Baise- moi, der zwei Frauen zu Racheengeln werden ließ und derart die Geschlechterrollen pervertierte, bleibt in Irréversible die Norm weit gehend gewahrt. Marcus (Vincent Cassel) und Pierre (Albert Dupontel), Geliebter und Exgeliebter von Alex, verfallen, von Drogen noch aufgeputscht, dem Blutrausch - und der Film sucht sich mit gefälligen Kamerapirouetten an deren Affekthandlungen zu berauschen. Wobei es der passivere Pierre letztlich ist, der tötet - gemäß Noés Logik mehr ein Rächer aus ästhetischen Gründen.

Er vernichtet den, der ihm sein Objekt des Wohlgefallens geraubt hat. Irréversible ist durchsetzt mit solchen halb durchdachten Konzepten: "Die Zeit zerstört alle Dinge", heißt es etwa wiederholt bedeutungsvoll, und die Vorhersehung - Alex liest gerade J. W. Dunnes Buch über Traumtheorie - verleiht dem Geschehen einen eigenartigen Determinismus.

Solch reflexiver Aufputz täuscht denn auch nicht darüber hinweg, dass Noé keine fundierten Antworten anzubieten hat: Unausweichlich muss der Lauf der Dinge dem erscheinen, der in extrem sexualisierten Dialogen eine grundsätzliche männliche Malaise andeutet, aber bloß an deren Effekten interessiert ist. Wenn am Anfang des Endes ein Plakat von Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey durchs Bild rollt, kann das also nur heißen: Wir sind alle Affen geblieben.
Ab Freitag im Kino. (DER STANDARD; Printausgabe, 12.11.2003)

von Dominik Kamalzadeh

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    lion gates
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