Blondie: "The Curse of Blondie"

    21. Oktober 2005, 17:43
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    Pop / Art / Pop: Blondies Fluch trifft das willige Ohr

    1977: "Blondie", das selbstbetitelte Debüt-Album. Melodiöse Comics-Vertonungen über Bandenkriege und Riesenameisen, soundmäßig zwischen Punk und 60ies-Harmonien. Punk-Herkunft lässt sich mit Poppigkeit vereinbaren, die Ballade "In the Flesh" als erster Mini-Hit (natürlich in Japan). Noch mit dabei: der in späteren Biographien oft verschwiegene Gary Valentine.

    1977, kurz danach: "Plastic Letters", gleicher Sound, doch noch besser auf den Punkt gebracht. Rock und - zumindest in Europa - der erste große Hit: "Denis", Coverversion eines Schlagers aus den 60ern. Vielleicht das beste Blondie-Album überhaupt? [persönliche Wahl]

    1978: "Parallel Lines". Durchstart nach Produzentenwechsel. Neue Gefälligkeit vergrätzt alte Punk-Fans, Welt-Hit im Disco-Sound: "Heart of Glass". "Sunday Girl", "Hanging on the Telephone" und viele weitere folgen. Ein Album wie aus einem Guss, Beginn des Goldenen Zeitalters für Blondie.

    1979: "Eat to the Beat", Fortsetzung der Erfolgsgeschichte. "Atomic" explodiert weltweit und wetteifert mit "Call me" - dem Titellied zu "American Gigolo" (nicht auf dem Album enthalten) - um die Hitparadenplätze, "Dreaming" geht nicht mehr aus dem Ohr. Abkehr von der einheitlichen Pop-Formel zeichnet sich ab.

    1980: "Autoamerican". Pop-Art schlägt Pop, wildes Stil-Gemisch, das dennoch zum Mega-Verkaufserfolg wird. Auf Reggae basierendes "The Tide is high" mit Bläser-Sets zum größten Hit trompetet. "Rapture": Als einer der ersten "weißen" Acts bauen Blondie Rap ein.

    1982: "The Hunter", das verrissenste und vielleicht unterschätzteste Album der Band. "Island of Lost Souls" kann den Erfolg von "The Tide is high" nicht kopieren. Weiters darauf: Wahnsinnigkeiten wie ein Science Fiction-Hörspiel und das von Sheena Easton verdrängte Doch-nicht-Titellied zum James Bond-Film "For Your Eyes Only". Unübersehbare Auflösungserscheinungen, vermeintliches Ende der Band.

    1999: "No Exit", die unerwartete Rückkehr nach fast zwei Jahrzehnten. Rock, E-Pop, Rap und Nichteinordbares in dunkler Mischung, nahtlos anschließend an den Eklektizismus der letzten Alben (sehr zum Leidwesen derer, die ein Comeback am liebsten in Form eines zwölffachen "Hanging on the Telephone" gehabt hätten). "Maria" wird zu einem der meistgespielten Lieder des Jahres.

    2003: "The Curse of Blondie". Auch ein zweites Leben kann also das einer Eintagsfliege überdauern - dass zwischen den beiden Alben doch wieder längere Zeit verstrich, lag an produktionstechnischen Zwischenfällen. Blondie's not only back but here to stay.

    "The Curse of Blondie"

    Die Aussagekraft von Plattencovern soll man nicht unterschätzen: Die schwarze Hülle von "No Exit" gab den harsch-dunklen Grundton des Albums wieder, und folgerichtig hat sich in die orangen Protuberanzen der aktuellen CD Flockigeres gebettet.

    "The Curse" beginnt mit Harrys urbaner Rap-Tirade "Shakedown", gefolgt von der Single "Good Boys", die bislang nur fast der Smash Hit wurde, der eigentlich in ihr steckt: Ein tanzbares Bastardchen aus "Atomic" und Kylie Minogues "Can't get you out of my head"-Groove; dass die europäische Ausgabe des Albums einen Giorgio Moroder-Remix der Nummer als Bonus enthält, wirkt angesichts ihres Eurodisco-Faktors fast schon redundant.

    Nummer 3, "Undone", ist - ebenso wie das spätere "Last one in the world" - Blondie-typischer Power-Pop mit Serotonin ausschüttendem himmelwärts strebendem Refrain und Gelegenheit für Deborah Harry, ihren ungebrochenen Stimmumfang zwischen denkbar unechtester Schulmädchenunschuld und kehliger Tiefe [Hmmmm ...] zu demonstrieren. Pop definiert sich bei Blondie ohnehin immer Rock-anteilig - in "Golden Rod" dröhnt der dann endgültig in den Vordergrund.

    Midtempo rules

    ... und mit diesen ersten vier Nummern ist auch schon der soundmäßige Rahmen abgesteckt, in dem sich der Rest der CD bewegt, ziemlich durchgehend übrigens im Midtempo-Bereich. Mal beschwingter, mal gemächlicher - mal mit Dance-, mal mit Dubgroove, mal akustisch und immer wieder mit Rockausbrüchen; letztere führen gelegentlich zum einzigen kleinen Manko dieser wie auch vorangegangener CDs, weil Chris Stein bei Gitarren-Soli dem kleinen Grenzverkehr mit Dire Straits-Land nicht immer ganz abgeneigt ist.

    Insgesamt läuft der Midtempo-Block ziemlich homogen durch, Auffälligkeiten wie das Freejazz-Stück "Desire brings me back" inklusive. Und wenn man auch betontermaßen wie kaum eine andere Band aus New York kommt - zwischendurch darf auch mal zu einer japanischen Folk-Adaption ("Magic / Asadoya yunta") auf der Blumenwiese gekifft werden. "The Curse of Blondie" schließt mit der einzigen Ballade: "Songs for love", dem einstigen Schlummerlied "Sound-asleep" auf "Eat to the Beat" nicht unähnlich.

    Live in concert

    Blondie sind also nicht jung gestorben und doch schön geblieben - und frönen dem Sound-Eklektizismus wie eh und je. Manche hat das verwirrt, doch - das ist kein origineller Kommentar, aber man kann's nicht oft genug sagen - ihnen ging es ja auch immer eher um Pop-Art als um Pop, und Musik ist nur eines von vielen Medien zu deren Transport.

    ... siehe dazu auch die diversen "Nebenaktivitäten" der Bandmitglieder. Vielseitigkeit und bewusstes Rollenspiel: Die fast 60-jährige Deborah Harry (derzeit in "Mein Leben ohne mich" in den heimischen Kinos) saß bei ihren Auftritten mit den Jazz Passengers ebenso allürenlos auf ihrem Hintergrund-Bänkchen, um nur für vereinzelte Vokal-Parts nach vorne zu trippeln und anschließend wieder brav abzutreten, wie sie bei Blondie-Konzerten im Scheinwerfer-Fokus thront, hochgereichten Rosen die Köpfe abbeißt und sie amüsiert in die Zuhörerränge spuckt. Picture this.
    (Josefson)

    Blondie: "The Curse of Blondie" (Sony/Epic 2003)

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    • "The Curse of Blondie", das aktuelle Album
      coverfoto: sony/epic

      "The Curse of Blondie", das aktuelle Album

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