Für Ideale nicht über Leichen gehen

7. Juli 2005, 15:47
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Jugendliche wenden sich Organisationen abseits der politischen Institutionen zu - doch mangelt es weder an der Bereitschaft, sich zu engagieren, noch an politischem Interesse

Was fehlt, sind Partizipationsmöglichkeiten.

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"Ich bin gegen viele verschlossene Türen gerannt, habe aber auch viele aufgemacht", erzählt Gregor Schütze über seine Erfahrungen als Bundessprecher der Schülerunion. Obwohl sich, laut der österreichischen Jugendwertestudie 2000, nur elf Prozent der Jugend "sehr stark" für Politik interessieren, stehen Jugendliche Gesellschaftspolitik nicht gleichgültig gegenüber.

"Politiker sind für mich uninteressant"

Dass das Interesse und Engagement seit zehn Jahren stagniert, geht aus dem "Jugendradar 2003", dem "vierten Bericht zur Lage der Jugend in Österreich" hervor. Politischen Institutionen wird zunehmend misstraut und engagierte Jugendliche wenden sich in erster Linie Organisationen abseits der Politik zu. Elisabeth (17) bestätigt das: "Politiker sind für mich uninteressant weil sie unglaubwürdig sind. Schülerorganisationen sind aber wichtig, weil sie etwas verändern können."

Im Bereich Schule besteht zwischen der SP-nahen Schülerorganisation AKS (Aktion kritischer Schüler) und der VP-nahen Schülerunion nicht besonders viel Handlungsspielraum. In Zukunft soll es aber auch eine FP-nahe Schülerorganisation geben, verspricht Michael Klug, Bundesschülervertreter vom RFJ (Ring freiheitlicher Jugend).

Themenschwerpunkte

Themenschwerpunkte der AKS liegen oft weit von schulspezifischen Anliegen entfernt. So kämpft sie etwa für eine gerechtere Globalisierung, gegen Rassismus oder setzen sich für Gleichberechtigung ein. Die Schülerunion hingegen beschränkt sich auf bildungspolitische Themen, wie etwa das Programm der Ganztagsschule, gegen die sie sich einsetzt.

Linksruck an Schulen

Seit der letzten Bundesschülervertretungswahl im September stellt die AKS erstmals mit einer Zweidrittelmehrheit das gesamte Bundesschülervertretungspräsidium. "Man kann ganz klar von einem Linksruck sprechen, weil unter uns Jugendlichen auch das soziale Bewusstsein gestiegen ist und die Jugendlichen immer offener werden", meint Laurin (17). Laut Klug könne von einem Linksruck keine Rede sein. Der Sieg der AKS ist für ihn ein Zeichen, dass "die Schülerunion das letzte Jahr verschlafen hat". Sie hätte es verabsäumt, "ihre eigenen Leute wachzuhalten".

"Die Schülermeinung muss noch viel mehr Gehör finden"

Momentan steht der Bundesschülervertretung das Recht zu, Gesetzesbeschlüsse anzuhören und Gesetzesvorlagen einzubringen. Doch auch dies biete Schülern nicht genug Partizipationsmöglichkeit, beklagt sich Schütze: "Die Schülermeinung muss noch viel mehr Gehör finden und einbezogen werden."

"Politischer Hickhack ist unnötig"

An Motivation fehle es jedenfalls nicht. Denn: "Jugendliche wollen ihren Standpunkt einbringen. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, seine Forderungen umzusetzen. Politischer Hickhack, der auf ideologischen Grundsätzen beruht, ist unnötig", meint Schütze. Für ihn sei seine Linie immer klar gewesen: "Nicht mit dem Kopf durch die Wand." Gleicher Meinung ist Schülerin Lydia (18): "Jugendliche haben natürlich nach wie vor ihre Ideale. Allerdings sind sie nicht mehr bereit, dafür über Leichen zu gehen." Für andere, wie Bundesschulsprecherin Romana Brait, bleibt Engagement ein Kampf. (Louise Beltzung, Isabella Hager/DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2003)

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    foto: heribert corn
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