Das Ausbleiben des Zungenkusses

15. Jänner 2004, 09:17
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Willi Dorners Choreografie "[...]" flutscht weit an einer guten Blickgeschichte vorbei

Wien - Das Vorspiel kommt ganz gut. Zwei weiße Wände auf der Bühne und ein ebenso brautkleidblasser Boden, und das vor einem Hintergrund, der samtschwarz ist wie die Robe eines Vamps. Durch ein Loch in der rechten Wand wird ein Film mit dem Titel Taboo auf die linke projiziert. Die Nacht ist hereingebrochen, ein Bett steht da, und in die Atmosphäre kleckern süßliche Musik und künstliches Gestöhn. Das ist der Auftritt der Bühnenbildnerin Stefanie Wilhelm und des Experimentalfilmers Martin Arnold in Willi Dorners neuer Arbeit mit dem anrüchig abgeklärten Antititel [...] im Tanzquartier Wien.

Brennende Fragen wälzen sich zwischen den eckigen Klammern: Wie ist das, wenn eine Figur in die Bühne oder den Film eindringt, und was geschieht, wenn sie sich wieder entzieht? Wie sehr giert unser Blick nach dem Fleisch von Akteuren, die sich unserem Schauen ausliefern und von diesem ausgiebig penetriert werden? Zwei einander ausgelieferte Fremde in einem Bett: der Exhibitionist und der Voyeur. Eine obszöne Geschichte. Dorner, Arnold und der Komponist Georges Aperghis haben sich für Wien Modern zusammengetan, um ihrem Publikum zu zeigen, was unter den Bettdecke aufreizender Bühnenpfuhle so alles getrieben werden kann.

Doch nach dem guten Vorspiel kommt die heiße Sache ein wenig ins Stottern. Der Pornofilm, aus dem alle Darsteller von Arnolds meisterlicher Hand gelöscht sind, verschwindet. Tänzer treten auf, stehen da, bewegen sich nach Kalkül, lächeln künstlich, tapsen einander an allerlei Intimregionen. Sobald sie sich zurückziehen, kommt es wieder zur Projektion. Eine Stimme formuliert vokallose Phrasen, Worte wiederholen sich zu lautgesanglichen Sätzen. Ein leeres Badezimmer ohne Ton und Figuren. Das Lächeln einer Tänzerin gerät aus den Fugen, wird zur Grimasse, zur Fratze, zum Ausdruck der Aggression.

Doch Film, Tanz und Musik wollen nicht zusammenfinden, das Stück bleibt stecken, windet sich zwischen seinen beiden Titelklammern und Bühnenwänden. Da entspinnt sich nichts zwischen Anwesenheit und Abwesendsein. Der Choreograf drängelt seine Tänzer zu oft auf die nach Löschung gierende Szene. Wäre die Sache nur halb so sexy wie der Programmhefttext des Dramaturgen Peter Stamer, würde das Publikum den "hinführenden, tiefen Zungenkuss" einer Erleuchtung erfahren. Aber was bleibt, ist ein genervtes Ziehen an der Zigarette danach. (DER STANDARD, Printausgabe vom 10.11.2003)

Von
Helmut Ploebst
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