Kommentar: Studien statt Kindergärten

23. Jänner 2004, 11:42
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Viele Loblieder hat die Regierung aufs Kindergeld gesungen - nun realisiert sie, dass das wenig an den fehlenden Kindergartenplätzen ändert

Immerhin: Viele Loblieder hat die Regierung auf das Kindergeld gesungen - nun realisiert sie, dass das wenig an den fehlenden Kindergartenplätzen ändert. Immerhin: Mittlerweile hat Schwarz-Blau bemerkt, dass Kinder nicht aufhören, Betreuung zu brauchen, wenn sie sechs Jahre alt werden und in die Schule gehen. Das waren aber schon die guten Nachrichten. Denn die Lösungsvorschläge der Koalition sind mehr als bescheiden: Bildungsministerin Elisabeth Gehrer will nur dürftige 10.000 zusätzliche Nachmittagsbetreuungsplätze an den Schulen schaffen - obwohl damit nur sieben Prozent aller Pflichtschulkinder betreut wären, und das erst ab 2006. Und obwohl die Statistik Austria den Bedarf viermal so hoch beziffert.

Egal ob die OECD Österreich wegen fehlender Kinderbetreuung kritisiert oder ob die Statistik Austria viel mehr fehlende Plätze sieht, als die Regierung schaffen will - Politikerinnen wie Gehrer haben dagegen eine einfache Strategie: Sie zweifeln alle Zahlen an, die über dem liegen, was sie bezahlen wollen. Sie setzen auf Zeitgewinn, lassen wieder einmal erheben, wie viele Betreuungsplätze fehlen, und erhöhen den Studienstapel.

Das nützt zwar den Eltern, die sich um die Kinderbetreuungsplätze raufen, gar nichts. Das hilft auch keiner einzigen der Mütter, die nach der Karenz unfreiwillig nicht mehr in ihren Job zurückkehren. Das verschafft nur Gehrer ein bisschen Zeit, unangenehmen Fragen auszuweichen: etwa der, warum sie sich so gegen Ganztagsschulen sträubt - obwohl die Siegerländer der Pisa-Studie diese als bildungspolitisches Erfolgsmodell praktizieren. Oder der, warum sie Vereinbarkeit von Beruf und Familie predigt, aber an den Schulen so wenig Nachmittagsbetreuung bietet. Solange Gehrer auf die Studie wartet, braucht sie nicht handeln. Auch eine Lösung - zumindest für sie. (Eva Linsinger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.11. 2003)

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