Trojanische Pferde im Anzug

22. Dezember 2003, 17:41
posten

Designer nehmen derzeit bei der guten alten Natojacke Maß: Ein Revival, das die wilde Jugend und die gedämpfte Gegenwart ihrer Träger versöhnt. Genauso wie im Falle des Parkas

Zuerst war der Stil: Als sich Ende der Sechziger die Jugend zum Protest erhob, unterstrich sie die Radikalität ihres Aufstandes mit der Radikalität ihres Stils: Er war das Erste, was den Bürgern an den Bürgerschrecks ins Auge stach. Als bewusstes Zeichen einer offensichtlichen Dissidenz, als Zeichen, dass ab jetzt nicht nur Mamas Uniformen der Vergangenheit angehörten.

Dabei griff man selbst auf Uniformen und Uniform-Versatzstücke zurück. Das war einer der Widersprüche, der in sich selbst am meisten Widersprüche barg. Militärklamotten (und mit ihnen eines der deutlichsten Signale der Zugehörigkeit zu Vater Staat) befanden sich plötzlich in den Händen ihrer erbittertsten Gegner. Genauso wie die Polizei, die jenseits der Absperrungen stand, trugen die Protestierenden Olivgrün. Doch während die Militärjacken der Jugend zumeist für linkes Ideengut standen, konnte man das für jene der Staatsmacht nicht behaupten.

Die Natojacken und Bundeswehrparkas, die die Friedensbewegung der Siebziger trug, verschärfte diesen verstörenden Widerspruch noch einmal: Mit aufgenähten Anti-Atomkraftstickers oder durchgestrichenen Deutschland-Fahnen zogen die Bewegten wie trojanische Pferde durch die Straßen - als Krieger einer Armee, die Frieden auf ihre Fahnen heftete und das Peace-Zeichen vor sich her trug.

Genauso wie bei fast allen anderen Jugendbewegungen der vergangenen Jahrzehnte waren die Militärjacken hier ganz vorne dabei. Die britischen Mods, diese Fashion-Victims, die über ihren viel zu teuren Maßanzügen Parkas trugen, hatten den Anfang gemacht. Ihnen folgten Revoluzzer und Blumenkinder, Skins und Punks. Wobei es natürlich durchaus auf die feinen Unterschiede ankam, wer und wie, welche Art von Militärjacke trug. Nur der Urvater der Jacke war allen gemeinsam: der Parka.

Er wurde zum Symbol des Militarismus, des eigentlichen Militarismus genauso wie all jener Gegen- und Jugendbewegungen, die sich absetzen wollten, von wem oder was auch immer: ein mit Symbolgehalt aufgeladenes Kleidungsstück, das einst Teil der Bekleidung der in Alaska lebenden Eskimos war, aus Fell oder aus Fell gefüttertem Leder bestand, verschlusslos war und samt Kapuze einfach über den Kopf gezogen wurde. In den vierziger Jahren übernahm dann das amerikanische Militär die Grundform des Parkas für ihre Militärjacken. Das war der Beginn jener Karriere, an deren (vorläufigem) Ende wir derzeit angekommen sind.

Parkas sind back - in einer weichgewaschenen Version

Parkas - und daran besteht spätestens seit diesem Winter kein Zweifel - sind back, in einer weichgewaschenen Version zwar, doch die Entwicklungsstadien, die die Jacken im Laufe der Jahrzehnte durchlaufen haben, tragen sie unvermindert in sich. In London trägt man derzeit die deutsche Bundeswehrjacke besonders gern, und das hat weniger mit Kate Moss zu tun, die vor einiger Zeit mit eben einer solchen auf dem Cover von i-D posierte, als mit der Trendsetter-Funktion dieser Metropole. Der Military-Boom schwemmte auch sie von den dunklen Armeeshops an die Oberflächen der Straßen - und brachte eine ganze Flut an modischen Ersatz-Parkas mit sich.

Zum Beispiel Variationen der guten alten Nato-Jacke, eines Kleidungsstücks, das es, wie man in Army-Shops behauptet, gar nie beim Militär gegeben haben soll, vorzugsweise von Jägern und Fischern getragen wurde und heute nicht mehr zu kriegen ist (nur ihre Verwandte, die M-65, ist noch zu beziehen). Louis Vuitton oder Gucci bedienen sich derzeit ihres Schnitts, Helmut Lang hat schon in früheren Zeiten daran Maß genommen.

Der raue Charme der Jacke hat sich dabei genauso erhalten wie ihre Funktionalität und gute Qualität. Die Merkmale des Modischen prallen an ihr ab, ihre Klassizität steht über den modischen Jahreszeiten. Wobei es natürlich kein Zufall ist, dass gerade jetzt Parkas und Nato-Jacken-Verschnitte allerorten wieder zu sichten sind.

Das Parka-Revival vereint den Retro-Trend mit dem Army-Boom, versöhnt die wilde Jugend und die gedämpfte Gegenwart ihrer Träger. Auch wenn viele der heutigen Militärjacken-Träger wohl in ihrer Jugend bloß grüne Anoraks trugen.

Aber wie immer: Bei Heraklit war der Krieg der Vater aller Dinge - es ist also nur selbstverständlich, dass sich daran auch noch eine Enkelgeneration blass erinnert. Den Parka hat sie für ihre eigenen Zwecke adaptiert, und so gibt es in dieser Saison vorzugsweise Parkas in einer ausgewählt edlen Version: Aus kostbaren Stoffen mit Fellkrägen versehen vereinen sie Outdoor-Funktionen mit glamourösem Design. High-Tech-Parkas aus Space-Age-Fasern (Stone Island, C. P. Company oder Massimo Osti) modeln den Military-Klassiker zu Schutzschilden gegen die Unbilden des Wetters und des Nachtlebens um.

Das Militaristische ist nur noch ein ferner Nachhall

Die Assoziation des Militaristischen ist bei diesen Jacken nur mehr der ferne Nachhall aus einer Zeit, als auch die großen aufgesetzten Taschen noch eine klare Funktion hatten. Die Mode mit ihrem verlässlichen Riecher für die Strömungen der Zeit vermischt Krieg und Frieden, als wären sie zwei beliebig aneinander henähte Stoffe.

Sind wir ehrlich, so ähnelt dieser Umgang allerdings frappant jenem, der auch die Welt um sie herum auszeichnet. Krieg auf CNN schaut nicht anders aus als Hollywood-Gemetzel in Friedenszeiten. Phänomenologische Unterschiede gibt es schon länger keine mehr. Ein Natojacken-Verschnitt macht sich denn zusammen mit einem Anzug genauso gut wie der Parka bei den eleganten Mods. Nur dass das damals ganz etwas anderes bedeutete. (DerStandard/rondo/Stephan Hilpold/07/11/03)

  • Artikelbild
  • Bild nicht mehr verfügbar
  • Artikelbild
  • Artikelbild
Share if you care.