"The Matrix Reloaded": Coup mit angekündigten Revolutionen

23. Juli 2004, 10:26
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Der "Matrix" dritter Teil

Alles geht einmal zu Ende, oder? Nach dem dritten und (vorerst) letzten Teil der "Matrix"-Kinoserie ist es fast logisch, dass wir in den nächsten Jahrzehnten weiterhin mit Fortsetzungen, Comics, Computerspielen und weiterem Spielzeug befeuert werden.


Wien - Die Geschichte, dass der Mensch sich selbst vergisst, wenn er mit sehr starken Reizen überflutet wird - sie ist älter als Platons Höhlengleichnis. In seinem genialen Roman Die drei Stigmata des Palmer Eldritch beschrieb der US-SciFi-Autor Philip K. Dick folgendes fatales Illusionsszenario: Bergbauarbeiter auf dem Mars entfliehen aus einem höchst unerfreulichen Leben per Drogenkonsum in Visionen hinein, dass sie eigentlich kalifornische Surf-Millionäre mit jeder Menge Bikini-Blondinen unterm Arm sind.

Seither leisten sich nicht wenige Melancholiker der westlichen Welt gerne folgenden Witz: Vielleicht sitzen wir alle in derselben Mars-Landschaft, haben aber die falsche Droge genommen, oder ein billiges altes Illusionsprogramm, und jetzt bilden wir uns alle jeweils ein, dass wir anstatt Superhelden oder Millionäre nur kleinbürgerliche Langeweiler sind? Insofern gab's natürlich große Begeisterung, als Matrix (1999) erschien, wo man im virtuellen Raum als Superheld in schwarzer Leder- und Latexkluft supergeil Karate und andere Nahkampftechniken praktizieren kann. Und nach dem Kino daheim auch noch per Computerspiel böse Maschinen bekämpfen kann, weil Wirklichkeit (was war das noch einmal?) geschützt werden muss, aber andererseits dieses Unterhaltungsprogramm bitte nie, nie, nie aufhören soll.

Milliardengewinn

Allein schon das ergibt eine paradoxe Situation, über die man ganz viel plaudern kann, und das ergab schon einmal ganz viel Mundpropaganda für Matrix und vier Jahre später auch für Matrix Reloaded - und mittlerweile haben US-Produzent Joel Silver und das Regie-Brüderpaar Larry und Andy Wachowski dem Vernehmen nach 1,9 Milliarden Dollar für zwei Filme und weitere zweistellige Millionenbeträge für Spiele, Soundtracks, DVDs etc. eingefahren. Ist das real? Nun, es ist zumindest das Ergebnis einer ultrarealistischen Kalkulation.

Die lautete zum Beispiel: Wir drehen jetzt nicht eine Fortsetzung, sondern gleich zwei, weil zwei Filme nebeneinander gedreht machen die einzelne Produktion jeweils kostengünstiger; weiters bewirbt ein Film den folgenden; außerdem spielt irgendwann einmal so etwas wie Kritik keine Rolle mehr. Das Logo walzt alles von selbst platt.

Matrix Revolutions kann, nach Überweisung sämtlicher Vorkaufrechte, Lizenzen, Nebenwerbeverträgen gar kein Verlustgeschäft mehr sein. Weiters will wohl jeder, der den nicht fertig erzählten zweiten Teil sah, zumindest wissen, "wie es ausgeht". Und drittens, ja, drittens ...

Irgendwie wirkten die Matrix-Macher vor Teil 3, der am Mittwoch international mit Zigtausenden Kopien gestartet ist, trotzdem unüblich nervös. Lag es nur an dem alten Sprichwort mit den angekündigten Revolutionen, die nicht stattfinden? Jedenfalls: Am liebsten hätte man den Film den Kritikern wohl überhaupt nicht gezeigt, und auch von heimischen Pressevorführungen hört man, dass diese dann letztlich den Charakter eines Top-Secret-Kriegsmanövers hatten: schwere Bodyguards vor der Tür. Leibesvisitationen bei Journalisten, die vermutlich auch irgendwann einmal dachten, wieder einmal in der falschen Simulation aufgewacht zu sein.

Der "Dank" für die ganze Geheimnis-Aufrüstung: Nur 15 Prozent der ernst zu nehmenden US-Rezensenten fanden Matrix 3 auch nur irgendwie akzeptabel (siehe die einschlägige Statistik auf der Sammel-Homepage "Rotten Tomatoes"). Und das wird am Coup, den Joel Silver und die Wachowski-Brüder gelandet haben, rein gar nichts ändern. Mag auch die Handlung zunehmend dünn und esoterisch geworden sein, die Action liebloser Aufguss: Wirklich funktioniert hat die Matrix-Trilogie vor allem als Pilotprojekt in den Agenden einer stärkeren Kino-Publikum-Bindung.

Investitionslogistik

Noch vor wenigen Jahren wäre ein derart knapper Abstand zwischen zwei Serienteilen undenkbar gewesen: Sowohl logistisch als auch werbetechnisch. Nie und nimmer wäre es ausgemacht gewesen, dass Menschen, die in einem Film waren, notgedrungen noch einmal in dasselbe Produkt investieren. Heute ist das anders. Heute kommen sie diesem Produkt einfach nicht mehr aus. Das Produkt holt sie quasi schon zu Hause ab. Und erzählt dann über Befreiung aus einem Totalitarismus, den es selbst generiert.

Noch eine Anekdote gefällig? Die US-Schauspielerin Jada Pinkett-Smith spielt in Matrix eher eine Nebenrolle. Allein für ihre Prozentbeteiligungen am Matrix-Computerspiel erhielt sie aber immerhin auch noch fünf Millionen Dollar überwiesen. "Wow!" (DER STANDARD, Printausgabe, 6.11.2003)

  • Keanu Reeves als messianischer Superheld Neo in "Matrix Revolutions"
    foto: warner

    Keanu Reeves als messianischer Superheld Neo in "Matrix Revolutions"

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