Die Szene vermittelt Geborgenheit

7. Juli 2005, 15:47
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Eine Musikrichtung verkörpert auch eine bestimmte Lebenseinstellung

"Ich bin HipHopper. Mit Leib und Seele." Der 18-jährige Yusuf zögert nicht lange, wenn es darum geht, sich zu einer Jugendszene zu bekennen. Wie viele andere ist er auf der Suche nach dem Authentischen: In der HipHop-Szene zählt es, "real" zu sein, sein eigenes Ding durchzuziehen.

Heutige Jugendszenen sind Leitkulturen für Jugendliche, sind als unhierarchische Netzwerke beschreibbar. Sie schaffen selbst gestaltete Freiräume: Selbstverwirklichung mit einer bestimmten Musik, einem bestimmten Outfit, mit Gleichgesinnten, mit einer bestimmten Lebensphilosophie.

Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin am Institut für Jugendkulturforschung in Wien, betont, dass Jugendszenen "einen zentralen Stellenwert" für 14- bis 19-Jährige haben. Ab 19 lässt die Bindung nach. Die breite Masse orientiert sich dann an anderen Themen.

Sich einer bestimmten Szene zugehörig zu fühlen und sich klar zu deklarieren falle Burschen leichter als Mädchen, erklärt Großegger. Mädchen sind da vorsichtiger. Der Anteil derer, die eine eindeutige Positionierung einnehmen und eine Szenekultur ganz leben, ist kleiner als der Anteil der Sympathisanten. Der "harte" Kern einer Szene hat zumindest einen großen Teil seines Lebens der eigenen Szene verschrieben.

Im Durchschnitt sind Jugendliche in drei bis vier Szenen unterwegs. Viele Jugendliche übernehmen einzelne Elemente aus mehreren Szenen: Das Outfit etwa, oder die bevorzugte Musik. "Für die meisten ist ein Mix aus verschiedenen Jugendstilen typisch", so die Soziologin Natalia Wächter vom Österreichischen Institut für Jugendforschung (ÖIJ). Bis Ende der 80er Jahre gab es einige wenige Jugendbewegungen. Bekannte Gruppen wie Skins, Punks oder die Gothics sind sehr expressive Minderheiten, zu der lediglich ein bis zwei Prozent der Jugendlichen gezählt werden können. Beate Großegger bezeichnet die Gothics als eine Subkultur jenseits der Mehrheitsgesellschaft. Kennzeichen der Gothics ist schwarz: die Kleidung, die Schminke, die Haare.

Heute dominieren die breiten Freizeitkulturen vor politisch positionierten Szenen. "Da Musik die beliebteste Freizeitbeschäftigung der Jugendlichen ist, führt der Weg in eine bestimmte Jugendszene oftmals über die bevorzugte Musikrichtung", so Wächter. Eine Musikrichtung verkörpert auch eine bestimmte Lebenseinstellungen. Auch in eigentlich sportorientierten Jugendszenen (Skater, Snowboarder) spiele die Musik eine wichtige Rolle.

Ein wichtiger Aspekt heutiger Jugendszenen ist auch der globale. Die Szene endet nicht an der Stadtgrenze, sondern es gibt sie auch in New York, London. Und doch gibt es eine regionale Anbindung. Innerhalb der Szene, mit Gleichgesinnten erfahren die Jugendlichen auch Rückhalt. Laut der österreichischen Jugendwertestudie 1990-2000 hat sich bei den Werteinstellungen der 14- bis 24-Jährigen gezeigt, dass die Bedeutung von Freunden in den letzten Jahren gestiegen ist. "Die Szene vermittelt Aufgehobenheit, Geborgenheit in kultureller Hinsicht", so die Jugendforscherin Großegger. (Eva M. Bachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 6.11.2003)

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