"Die Gretchenfrage ist die Väterkarenz"

23. Jänner 2004, 11:42
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Neue Männerstudie: Bekenntnis der "modernen" Männer zu aktiver Elternarbeit ist bis jetzt eher rhetorisch

Wann ist ein Mann ein Mann? Diese Gretchenfrage konnte schon Herbert Grönemeyer in seinem Song nicht beantworten. Noch schwieriger ist die Frage: Wann ist ein Mann ein guter Vater? Nun, der Väterforscher Erich Lehner vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Werteforschung hat eine Antwort: "Die Gretchenfrage ist die Väterkarenz. Wie halten sie es damit?" Sie halten es so, dass nur zwei Prozent der Väter in Karenz gehen.

In einer - im Auftrag des Sozialministeriums erstellten, von diesem aber noch nicht offiziell präsentierten - Männerstudie (Hrsg. Paul M. Zulehner: MannsBilder. Ein Jahrzehnt Männerentwicklung. Schwabenverlag 2003), in der auch die österreichischen Väter und ihr Selbstverständnis unter die Lupe genommen wurden, kommt Lehner zu erstaunlichen Ergebnissen.

[] Der Anteil "moderner Männer" mit emanzipiertem Bild über Geschlechterrollen ist in den letzten zehn Jahren von 14 auf 23 Prozent gestiegen.

[] Parallel dazu ist der Anteil der "Traditionalisten" unter den Männern, die sich der klassischen Rolle gemäß auf den Beruf konzentrieren und die Familienarbeit primär als Reich der Frauen sehen, von 24 auf 17 Prozent gesunken.

[] 44 Prozent der Männer meinen, die Frau soll zu Hause bleiben, solange die Kinder klein sind. Gleichzeitig finden 38 Prozent der Männer, beide Elternteile sollten berufstätig sein und sich um Kinder und Haushalt kümmern. Von den "Modernen" meinen das sogar zwei Drittel. Von den "Traditionalisten" allerdings nur mickrige zehn Prozent.

[] Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen bei der Väteraktivität aber Welten: Wenn sie sich um ihre Kinder kümmern, dann entspricht die "Arbeitsteilung" den Klischees: "Männer bevorzugen Freizeitaktivitäten und überlassen Versorgungsaktivitäten den Müttern", schreibt Väterforscher Lehner (Grafik).

[] Die befragten Mütter wussten zu berichten, dass zwar 86 Prozent der Väter "mithelfen", davon betreut aber nur ein Drittel die Kinder werktags mindestens 30 Minuten alleine, am Wochenende sinkt diese Zahl aber auf nur ein Zehntel. 3,1 Prozent der Väter betreuen ihre Kinder während der ganzen Woche mehr als 20 Minuten.

[] Insgesamt machen Frauen doppelt so viel mit ihren Kindern als Männer.

[] Die zwei wichtigsten Argumente, die Männer gegen die Väterkarenz vorbringen, sind noch immer das gesunkene Einkommen und eventuelle Karrierenachteile. Nur ein Zehntel der Väter sagt offen, das sei nicht ihre Aufgabe.

Den größten Widerstand bekommen karenzwillige Väter laut Studie übrigens in großen Unternehmen zu spüren, in mittleren Unternehmen gibt es eher Unterstützung. Entscheidender Faktor ist die Person des Chefs (der Chefin).

Allerdings gibt es in der Zwischenzeit schon Initiativen der Wirtschaftskammer, Väterkarenz zu fördern (Väterkarenz-Consulting). Immerhin schärfe Karenzzeit die Soft Skills, die zunehmend gefragt sind, berichtete Friedrich Kofler bei einer "Väterkarenz-Enquete", die "Die Kinderfreunde" und SP-Familiensprecherin Andrea Kuntzl veranstaltet haben. Deren Forderung: "Vaterschutzmonat" bei vollem Lohnausgleich, individuelle Karenzmodelle (kurze Inanspruchnahme, mehr Geld, oder umgekehrt) und einen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe 05.11.2003)

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