Kinderfalle, ein Frauenproblem

23. Jänner 2004, 11:42
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OECD-Bericht: Kinder und Beruf seien schwer vereinbar, viele Mütter hörten zu arbeiten auf - Männerstudie sieht Willen zum aktiven Vatersein, aber wenig Taten

Partys oder Pampers, das war das Leitmotiv der Sommererregung. Babys und Bosse, das ist der wissenschaftliche Beitrag zur Debatte, warum die Geburtenraten in Österreich so niedrig sind. Sozialforscher Christopher Prinz untersuchte unter diesem Titel für die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), wie gut Familie und Beruf in Österreich vereinbar sind. Sein Befund: "Die Vereinbarkeit in Österreich ist schwierig."

Allerdings gibt kein Land so viel Geld für Familienförderung aus. Das hilft zwar, Kinderarmut und Armutsgefährdung von Eltern auf einem im internationalen Vergleich ziemlich niedrigen Niveau zu halten. Das hilft Müttern (und Kinderbetreuung ist in Österreich nach wie vor Müttersache) aber nicht, ihren Job trotz Kindes zu behalten. Denn Österreich fördert mit Kindergeld und Co teuer das Zuhausebleiben. Prinz: "Für Kindergeld wird sechsmal so viel ausgegeben wie für Kinderbetreuungseinrichtungen." Nur dürftige 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gibt Österreich für Kindergärten aus - Dänemark 2,1 Prozent. Massiv finanziell unterstützt wird hingegen Vollzeitbetreuung: Arbeitet in einer Familie nur ein Elternteil, bekommt diese Familie Transferleistungen in der Höhe von beträchtlichen 38 Prozent des Durchschnittsverdiensts eines Industriearbeiters - "wesentlich mehr" als in anderen OECD-Staaten.

Die Konsequenz ist unerfreulich: Sind doch die Anreize, aus dem Beruf auszusteigen, mit dem Kindergeld gestiegen. Nur 32 Prozent der Mütter mit Kindern unter drei Jahren arbeiten. Und nur ein Viertel aller Mütter kehren nach der Karenz in ihren alten Job zurück. Ein weiteres Viertel kehrt zwar zurück, aber in anderer Form, also teilzeit-oder geringfügig beschäftigt. Und die Hälfte der jungen Mütter - steigt überhaupt aus. Weil, so Prinz, ganztägige Kinderbetreuung Mangelware ist. Gerade gut ausgebildete Frauen lösen die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf ihre Weise: Ein Drittel von ihnen bleibt kinderlos.

Aus dieser Mängelanalyse ergeben sich die Forderungen, wie die Politik wirklich Wahlfreiheit zwischen Beruf und Kindererziehung für Familien schaffen könnte. Thema Nummer 1 ist die Kinderbetreuung. "Es ist in Österreich ungeschriebenes Gesetz, Kinderbetreuung erst für Dreijährige anzubieten", kritisiert Prinz. Nicht mehr als zehn Prozent aller Kinder unter drei werden außer Haus betreut, generell fehlen 90.000 Kinderbetreuungsplätze. "Drei Jahre Ausstieg aus dem Beruf sind zu lang", urteilt Prinz. Daher die OECD-Empfehlung: Österreich müsse die Kinderbetreuung verbessern - besonders die für Kinder unter drei.

Ausstieg gefördert

Eine Möglichkeit: Das Kindergeld könnte so verändert werden, dass Eltern, die kürzer aus dem Beruf aussteigen, höhere Summen erhalten - oder dass Teile des Geldes an außerhäusliche Kinderbetreuung geknüpft werden. So würde das Kindergeld nicht mehr Ausstieg aus dem Arbeitsmarkt subventionieren.

Auf dem Ohr hört Familienstaatssekretärin Ursula Haubner aber nicht gern. Sie will das Kindergeld für unter Dreijährige beibehalten - und erst bei Ausweitung auf Vier- bis Sechsjährige überlegen, einen Teil des Geldes an Betreuung außer Haus zu koppeln. Großen Bedarf für unter Dreijährige sieht sie nicht. Und überhaupt: "Eltern sollen selbst entscheiden, ob sie arbeiten oder nicht" - außerdem werde der Bedarf an Kinderbetreuung gerade erhoben. Über die Forderung, die Zuverdienstgrenze beim Kindergeld zu überdenken, denkt sie nach.

Für Prinz steht und fällt mit der Kinderbetreuung auch der Erfolg des Rechts auf Teilzeit, das Schwarz-Blau, wie von der OECD gelobt, nun beschlossen hat. Zudem bedeute Teilzeit oft Karriereende, gut qualifizierte Teilzeitjobs fehlen - Teilzeit könne also die Zementierung des Musters "Männer machen Karriere und verdienen um ein Drittel mehr" bedeuten. Daher "hüten sich Männer in Österreich, Teilzeit zu arbeiten".

Von solchen Bedenken will sich Haubner das Recht auf Teilzeit nicht madig reden lassen. Für sie ist es ein "Meilenstein". Generell zieht sie aus der OECD-Studie selbstbewusst den Schluss: "Wir sind familienpolitisch auf einem guten Weg." (Eva Linsinger/DER STANDARD, Printausgabe 05.11.2003)

Zitiert

"Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in Österreich schwierig. Der Ausstieg aus dem Beruf wird gefördert". Sozialforscher Christoph Prinz

"Wir sind auf einem guten Weg. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist das Herzstück der Familienpolitik". Familienstaatssekretärin Ursula Haubner
  • Besonders das Kindergeld und die fehlenden Teilzeit-Arbeitsplätze wirken sich negativ auf die Frauenerwerbsquote aus.
    foto: photodisc
    Besonders das Kindergeld und die fehlenden Teilzeit-Arbeitsplätze wirken sich negativ auf die Frauenerwerbsquote aus.
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