Vom Umgang mit Konflikten

28. September 2004, 10:54
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Konfliktstoff im Berufsleben ist zum überwiegenden Teil sachlicher Natur, nur in 41 Prozent der Fälle sind persönliche Differenzen die Ursache - Wie viel Zeit europäische Führungskräfte als "Mediatoren" aufwenden, zeigt der neue Hernstein Report - Mit Infografik

Konflikte entstehen auf allen und quer durch alle Hierarchieebenen. In manchen europäischen Konzernen ist die Streitkultur gar Bestandteil der Unternehmensgrundsätze. So hat zum Beispiel der Kosmetikkonzern L'Oréal im französischen Headquarter einen eigenen Konfrontationsraum eingerichtet, in dem Mitarbeiter ihre Ideen gegen die Einwürfe von Kollegen und Vorgesetzten verteidigen müssen. Ein deutsches Bankinstitut hat ein eigenes Frühwarnsystem zur Aufspürung von Konfliktherden entwickelt und sorgt in speziellen Workshops mit moderierten Gesprächen für die Mediation zwischen verhärteten Fronten. Andere Unternehmen steuern der Schaffung von Verlierern und Siegern durch Inanspruchnahme externer Experten entgegen.

Verhärtete Standpunkte

Konflikte beginnen meist ganz unauffällig: Meinung und Standpunkte zweier oder mehrerer Parteien beginnen sich allmählich zu verhärten, doch noch sind keine starren Lager gebildet.

Später wird polarisiert im Denken, Fühlen und Handeln, es folgen langatmige Debatten, und taktische Verhaltensweisen stellen sich ein.

Wo mit Worten nichts mehr zu erreichen ist, weil keine Partei nachgeben will, auf dem eigenen Standpunkt beharrt und erwartet, dass das Gegenüber die eigene Meinung übernimmt, folgen Taten. Die Lager spalten sich, der Gegner wird zum Feind, die Energie wird auf die Schaffung von Koalitionen gelenkt. Gemeinsam arbeitet der Kampftrupp dann an der Diffamierung des Gegners, die Folge ist Gesichtsverlust.

Aug um Aug ...

Weiter geht's mit gegen- seitigen Drohstrategien bis hin zu Vernichtungsschlägen, die nicht selten in den gemeinsamen Abgrund führen (auszugsweise Wiedergabe der Eskalationsstufen nach dem Konfliktforscher Univ.-Prof. Friedrich Glasl, Dozent für Organisationslehre und Konfliktforschung an der Universität Salzburg).

Man muss natürlich nicht Akademiker sein, um sich vorstellen zu können, wie viel Arbeit angesichts solcher Frontkämpfe liegen bleibt. Genaue Zahlen wurden für den jüngsten Hernstein Management Report erhoben. Im Zuge der Untersuchung wurden auch Konfliktursachen sowie die "Mediationsfreude und -fähigkeit" europäischer Führungskräfte erforscht.

41 Prozent der Konflikte im Unternehmen entstehen nach Einschätzung der befragten Führungskräfte in Slowenien, Ungarn und Tschechien aus persönlichen, zwischenmenschlichen Problemen und 59 Prozent der Konflikte aus sachlich arbeitsbezogenen Differenzen. Vergleicht man dieses Ergebnis mit der Befragung in Österreich, Deutschland und der Schweiz, so zeigt sich, dass die Führungskräfte im deutschsprachigen Raum die Konfliktursachen nicht so sehr im sachlichen, sondern eher im zwischenmenschlichen Bereich ansiedeln.

So geben fast 50 Prozent an, Konflikte würden aufgrund von zwischenmenschlichen Problemen entstehen und nicht durch sachliche Differenzen.

Interessant sind die Ergebnisse für die einzelnen Länder: In deutschen und ungarischen Unternehmen kommt es meist aus sachlichen Gründen zu Konflikten (D: 66 Prozent, H: 64 Prozent). Auch in tschechischen und slowenischen Unternehmen überwiegen eher sachliche Konflikte (CZ: 59 Prozent, SI: 54 Prozent). In der Schweiz ist das Verhältnis zwischen persönlichen und sachlichen Konflikten ausgeglichen: 49 Prozent der Konflikte haben sachliche Gründe und 51 Prozent persönliche.

In Österreich hingegen entstehen Konflikte nur zu 46 Prozent aus sachlich arbeitsbezogenen Differenzen, aber zu 54 Prozent aus persönlichen, zwischenmenschlichen Gründen.

Führungskräfte der EU-Beitrittsländer wenden weniger Arbeitszeit für Konfliktbereinigung auf (durchschnittlich zehn Prozent) als Führungskräfte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (durchschnittlich knapp 15 Prozent).

Im Ländervergleich der drei EU-Beitrittsländer wendet Ungarn die meiste Zeit für Konfliktbereinigung auf, knapp zwölf Prozent. Tschechische Führungskräfte hingegen nur acht Prozent. Slowenische Manager liegen mit zehn Prozent in der Mitte.

... Zahn um Zahn

Österreichische Führungskräfte wenden die meiste Zeit (16 Prozent) für Konfliktbereinigung auf, dicht gefolgt von Schweizer und deutschen Führungskräften mit je 14 Prozent Anteil. Während in Betrieben mit bis zu 500 Mitarbeitern rund neun Prozent der Arbeitszeit darauf entfallen, sind es bei Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten im Schnitt bereits knapp elf Prozent.

Werden Konflikte nicht oder nur unzureichend ausgetragen, drohen sowohl Auswirkungen auf den einzelnen Mitarbeiter wie auf ganze Belegschaften. Die Palette der Folgeschäden kann von Krankheiten, über Burnout-Syndrom bis hin zur inneren Kündigung reichen. (DER STANDARD Printausgabe, 31.10/1.11/2.11.2003, zug)

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Hernstein

Der Hernstein Management Report ist eine halbjährlich durchgeführte Studie zu aktuellen Managementtrends

Auftraggeber ist das Hernstein International Management Institut in Wien, Abwicklung durch OGM. Befragt wurden 450 Führungskräfte von Großbetrieben in Tschechien, Slowenien und Ungarn

  • Konflikte: Anteil an der Arbeitszeit und Ursache
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    Konflikte: Anteil an der Arbeitszeit und Ursache

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