Börsencrash im Frühjahr 2004?

4. Jänner 2004, 19:49
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Viele wollen nach den Flops der letzten Jahre den Konjunkturforschern nicht mehr trauen - Gastkommentar von Michael Margules

Die Aktienmärkte haben sich bisher als zuverlässige Seismographen der Konjunkturerholung erwiesen. Die Kursgewinne in den vergangenen Monaten gründeten vor allem auf der fast unerschütterlichen Zuversicht auf eine Wirtschaftserholung. Nun mehren sich auch unter den Konjunkturforschern die Stimmen derer, die ohne Wenn und Aber im nächsten Jahr einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung prognostizieren. Allerdings: vor allem in den letzten beiden Jahren erwiesen sich die Prophezeiungen nahezu sämtlicher (Börsen)Experten als Fehlanalyse; und der jeweils vorhergesehene Konjunkturaufschwung entpuppte sich als Fata Morgana entpuppte. Dies dient etlichen Anlegern weiterhin als gewichtiges Argument, dem Börsen-Geschehen mit Argwohn und damit an der Seitenlinie zu begegnen, und selbst ernannten Experten zur Veröffentlichung ihrer Analysen.

"Econophysics" auf dem Vormarsch

Mit dem Scheitern der an der Wall Street favorisierten Prognosemodelle - von makro- und mikroökonomischen Ansätzen bis hin zur technischen Analyse - wächst das Interesse an alternativen Ansätzen. Es verwundert nicht, wenn Studien von Physikern zum Geschehen an den Aktienmärkten und zur Makroökonomie auf immer grösseres Interesse stossen. Prominentester Vertreter dieser neuen Richtung der sogenannten «Econophysics» ist derzeit Didier Sornette, ein französischer Geophysiker und Professor an der University of California in Los Angeles (UCLA). Er glaubt, mit seinem mathematischen Modell den Schlüssel zur Prognose der Kursentwicklung – zumindest am US-Aktienmarkt – er- respektive gefunden zu haben. Der eigentlich auf die Erforschung des Verhaltens komplexer Systeme und das Studium von Erdbeben spezialisierte Sornette sagt voraus, dass es im Frühjahr 2004 einen Börsencrash geben wird. Den Tiefpunkt der Kursentwicklung erwartet er für den Jahresbeginn 2005. Sornette nimmt für sein an die Analyse fraktaler Strukturen angelehntes mathematisches Modell in Anspruch, dass sich damit alle fünf vergangenen Einbrüche des S&P 500 korrekt nachvollziehen lassen.

Schuster, bleib‘ bei deinen Leisten....

Nicht nur Kritiker eines solchen Ansatzes werden allerdings einwenden, dass Physiker, die nun auch noch die Trends an der Börse erklären wollen, in ihrem eigenen Fachgebiet genügend ungelöste Probleme haben. So hat sich die Geophysik - Sornettes Fachgebiet - bei der Vorhersage von Erdbeben bisher als genauso unfähig erwiesen wie die Wirtschafts- und Finanzwissenschaften bei der Prognose von Börsencrashs. Darüber hinaus erscheint eine neuerliche wirtschaftliche Fehlanalyse diesmal auf Grund der jüngsten Daten unwahrscheinlicher: Zunächst ist die Beschleunigung in der amerikanischen Wirtschaft bereits Tatsache. Angetrieben von massiven Käufen der Konsumenten, verzeichnete das Bruttoinlandprodukt (BIP) mit einer hochgerechneten Jahresrate von 7,2 Prozent den grössten Anstieg seit fast zwei Jahrzehnten. In den kommenden Monaten dürfte sich dies auch auf den bisher schwachen Arbeitsmarkt auswirken. Gerade zuletzt kamen auch ermutigende Signale aus Europa – am Dienstag kletterte der Ifo-Geschäftsklima-Index Deutschlands auf den höchsten Wert seit Februar 2001 –, von den ohnehin überdurchschnittlichen Wachstumsraten in Asien, nun sogar inklusive Japan, gar nicht zu schweigen.

Kurs-Rally – nur - bis zum Jahresende?

Allerdings ist die Lage für die Börse nicht uneingeschränkt positiv. Die Nachrichten zum dritten Quartal scheinen zumindest am US-Aktienmarkt längst eingepreist. Worauf es eigentlich ankommt, ist der Ausblick aufs laufende Quartal und auf das Jahr 2004. Damit stellt sich die Frage, ob die Ertragsentwicklung bereits im vergangenen Quartal ihren Höhepunkt erreicht haben könnte. Denn es besteht die Befürchtung, dass zwei Sonderfaktoren, nämlich der Effekt der Steuersenkungen und der Boom am Immobilienmarkt, allmählich ihre Wirkung verlieren. Damit könnten negative Faktoren wie die hartnäckige Schwäche auf dem Arbeitsmarkt ein höheres Gewicht erlangen. Einige Aktienstrategen erwarten allerdings, dass die Hausse noch bis zum Jahresende anhalten könnte. Dies lässt sich mit der typischen Entwicklung im vierten Quartal begründen: Fonds und zahlreiche andere institutionelle Investoren haben ein starkes Interesse an einem Jahresendrally. Folgt man diesem Szenario, würde die Börse erst Anfang 2004 auf das Abflachen des Gewinnwachstums reagieren.

Aber: die Gefahr eines Börsencrash im Frühjahr 2004, so überhaupt, könnte durch eine angesichts der jüngsten Entwicklungen in Russland und Irak durchaus nicht auszuschließende politische Krisenausweitung heraufbeschworen werden – von der wirtschaftlichen Seite wirken die Vorzeichen so positiv wie schon seit längerer Zeit nicht mehr!

Nachlese

--> Auf oder Ab?
--> Groß, größer, General Electric
--> USA in der Wachstumsfalle?
--> Buy on bad News!?
--> Die Schlechten ins Kröpfchen, ...
--> Hausse, Bärenmarktrallye oder Blase?
--> Anlagetipps von und mit George W. Bush
--> Alan Greenspans Heiratsantrag
--> Das 1x1 der Aktienbewertung
--> Wer hat Angst vor Fannie und Freddie?
--> Spieglein, Spieglein, an der Wand ...
--> High Noon zwischen Anleihen und Aktien
--> Bitte am Shareholder Value festhalten
--> Politischer Einfluss stützt Aktienrally
--> Widersprechen sich Aktien- und Bondmärkte?
--> Börsianer warten auf das Unwetter
--> Indexieren passé, Investieren olé
--> Der Dollar fällt und fällt und fällt ...
--> Vorsicht, Crash-Gefahr
--> Wieviel Seiten hat die Medaille?
--> Wo geht's hier zum Wachstum?
--> "Sell in May and go away ..."
--> Börsen vor der Trendwende
--> Drei Jahre Baisse reichen
--> Einer wird gewinnen
--> Schweigen in der Folterkammer
--> Politik beeinflußt die Börsen wenig
--> Die Baisse kann bis 2018 andauern...
--> 1:0 für Anleihen
--> Arme Rentner
--> Kanonendonner oder Kursfeuerwerk?
--> Gratis-Kredit für den Chef
--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> „Bob the builder“ und US-Präsident Bush
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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    Die Aktienmärkte haben sich bisher als zuverlässige Seismographen der Konjunkturerholung erwiesen

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