Weibliche Anatomie als Neuland

31. Oktober 2003, 11:47
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Die SexualmedizinerInnen der Uniklinik Freiburg sehen sich hauptsächlich als AufklärerInnen für beide Geschlechter

Stuttgart - Ein Jahrtausende alter Traum erfüllt, ein Jahrtausende altes Trauma beendet? Moderne Potenzmittel sollten aufräumen mit der toten Hose im Bett und Mann wie Frau endlich wieder ein unbeschwertes Sexleben ermöglichen. Doch obwohl die Mittel viel bewirken, beheben sie nicht die Mythen rund ums Thema Sexualität. Das Grundproblem scheint ein anderes zu sein als lediglich Erektionsstörungen: Sex ist in der heutigen Gesellschaft noch längst nicht die normalste Sache der Welt, wie immer behauptet wird.

"Sex ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen, genau wie Essen, Trinken, Schlafen. Jetzt muss man sich vorstellen, jemand denkt: Ich bin unter Druck, ich muss schon wieder essen, kein Wunder, dass einem da der Appetit vergeht", sagt Michael Berner vom Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit (ISG) der Universitätsklinik Freiburg.

Der Sexualmediziner verdeutlicht damit den Zwiespalt, unter dem viele Menschen leiden: In den Medien ist Sexualität omnipräsent, und spätestens seit Viagra darf, ja kann es gar kein Problem mehr damit geben. Doch damit steigt der Druck, ein prickelndes Sexleben haben zu müssen. Hinzu kommen ein stressiger Alltag sowie die Unkenntnis über den eigenen Körper und die Bedürfnisse des Partners.

"Wir brauchen noch Jahrzehnte Aufklärungsarbeit", schätzt ISG-Geschäftsführerin Sabine Pirnay-Kromer. Pro Jahr melden sich beim ISG rund 10.000 Hilfesuchende per Telefon oder Brief, sehr viele mehr besuchen die Internetseite der Informationsstelle. Die Männer vornehmlich mit Erektionsstörungen, die Frauen vornehmlich mit dem Thema Orgasmus, beide Geschlechter zudem mit der Klage, sie fühlten sich lustlos.

Unaufgeklärtheit

Demnach berichtet eine erstaunlich hohe Zahl der Frauen, noch nie einen Orgasmus gehabt zu haben. "Ein Buch mit sieben Siegeln", heißt es dann, oder: "Orgasmus ja, aber nur klitoral, nicht vaginal". Schon dass der Mythos sich so hartnäckig hält, zwischen den beiden bestehe ein Unterschied, ist für Sabine Pirnay-Kromer unerklärlich: "Es herrscht eine unglaubliche Unaufgeklärtheit, was die weibliche Anatomie angeht. Zudem kommen sofort alle möglichen Klischees und Rollenverteilungen auf. Die Frauen meinen, sie seien frigide, sie glauben, ihr Mann wolle immer, sie selbst jedoch nie."

Erektion nicht vortäuschbar

Die Männer geraten in einen vergleichbaren Teufelskreis. Zwar ist ihre Sexualität leichter gestrickt, sie benötigen weniger Erregungsfaktoren als Frauen. Doch gerade deshalb gibt es auch Haken: "Spätestens seit dem Film Harry und Sally wissen wir, dass Frauen einen Orgasmus und damit Lust vortäuschen können. Der Mann jedoch ist in dieser Hinsicht verletzlicher, eine Erektion kann man eben nicht vortäuschen", sagt Berner. Wie beim Fußballspiel setze sich der Mann unter Druck, Tore schießen zu müssen. "Dabei ist doch die Frage, ob Zielorientierung in der Sexualität das Maß aller Dinge sein muss."

Das Verständnis von Sex sei nach wie vor sehr auf die Penetration an sich ausgelegt, hat auch Sabine Pirnay-Kromer festgestellt. Dabei raten die Experten, sich gerade nicht so sehr auf den Akt an sich zu versteifen. Kommen Ehepaare zu Berner in die Sexualtherapie, liegt die Beziehung manchmal bereits derart im Argen, dass der Psychologe zunächst einen schönen gemeinsamen Abend empfiehlt ohne jegliche Ausrichtung auf Sex, um erstmal den Druck zu nehmen und Spaß in die Beziehung zu bringen.

Schlüssel Kommunikation

Im Mittelpunkt der Therapie steht jedoch die Kommunikation. Berner hilft den Paaren, überhaupt über das Thema Sex sprechen zu können und den anderen kennen zu lernen. Denn allzu oft leben die Paare zwar schon lange zusammen, kennen aber die Bedürfnisse des anderen kaum oder glauben sie zu kennen und liegen damit falsch. "Masturbation etwa ist so ein Tabu-Thema, wobei natürlich auch jeder Geheimnisse haben darf", sagt Berner. Generell aber würde in kaum einem Bereich so viel geflunkert wie beim Thema Sexualität, in erster Linie, um vermeintlichen Idealen zu entsprechen. "Daher ist es wichtig für die Betroffenen, herauszufinden, was sie selbst möchten." Dann gelte es, mit dem Partner darüber zu sprechen.

"Keine Norm"

"Die Menschen müssen begreifen, dass es beim Sex keine Norm gibt, der sie entsprechen sollen, sondern dass jeder Mensch seine individuelle Sexualität hat", betont auch Pirnay-Kromer. Und sie sollen erkennen, dass es sich beim Partner genauso verhält und gemeinsam einen Kompromiss finden.

Längst nicht jedes Paar benötigt dazu eine Sexualtherapie, sagt Berner. Im Gegenteil: Paare, deren Beziehung grundsätzlich intakt ist, können sich auch selber daran machen, die Situation zu entspannen anstatt sie zu problematisieren. "Beginnen, darüber zu sprechen, kein Geheimnis mehr aus seinen Wünschen machen, die Zielorientierung überdenken. Ausprobieren!", rät Berner. "Es muss ja nicht unbedingt gleich Sex auf dem Bärenfell sein. Aber allein schon Veränderung ist etwas, das die Erregung stark anrühren kann." (AP)

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