Antonescu - mit Hitler in den Abgrund

31. Oktober 2003, 18:52
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Rumänische Variante zum Holocaust im besetzten Transnistrien - schwerer Blutzoll vor Stalingrad

Diktator Ion Antonescu lieferte Rumänien angesichts der deutschen Siege auf Gedeih und Verderb Hitler aus, obwohl er gleich am Beginn seiner Herrschaft unter deutschem Druck auch noch die Süddobrudscha an Bulgarien zurückgeben musste. Rumänien trat Ende 1940 dem Dreimächtepakt Deutschland-Italien-Japan bei, erhielt aber, anders als Ungarn und Bulgarien, bei der Zerschlagung Jugoslawiens im April 1941 nicht den von Antonescu erhofften Gebietsanteil im Banat. Beim Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 jedoch wurde die rumänische Armee voll in den Überraschungsangriff eingebunden.

Ihr erstes Ziel war die Rückeroberung Bessarabiens und der Nordbukowina; binnen weniger Wochen standen diese Gebiete wieder unter rumänischer Hoheit. Darüber hinaus wurde den Rumänen Transnistrien, der jenseits des Dnjestr (rumänisch Nister) liegende Landstrich bis zum ukrainischen Bug, als zivilverwaltete Besatzungszone zugeteilt; Sitz des rumänischen Gouverneurs wurde die wichtige Hafenstadt Odessa. In dieser vor allem von Ukrainern bewohnten Region hatte es nur rumänische Streusiedlungen gegeben, die Stalin nutzte, um eine winzige autonome Sowjetrepublik Moldawien zu installieren - eine ständige Warnung, dass der Kreml den Anspruch auf Bessarabien nicht aufgegeben hatte. Die Besatzer versuchten, das Schulwesen zu romanisieren und fanden auch in der von den Bolschewiken unterdrückten orthodoxen Kirche Kollaborateure. Sehr bald aber bekam Transnistrien eine neue, tragische Funktion: Es war für eine Endlösung "à la Roumaine" ausersehen. Der Antisemitismus war nicht erst im Gefolge des Bündnisses mit Hitler in das Land gekommen. Schon 1878, als Rumänien durch den Berliner Kongress seine volle Souveränität erhielt, setzten sich die Großmächte für eine bessere Behandlung der Juden ein. Aber erst mit dem in den Friedensverträgen von 1918 auferlegten Minderheitenschutz erhielten viele jüdische Bürger die rumänische Staatsbürgerschaft. Die faschistische "Eiserne Garde" machte Judenhass zu einem Teil ihres politischen Programms, ihr Machtkampf mit Antonescu war von Pogromen begleitet. Auch dieser war freilich alles andere als ein Judenfreund. Die Rückgliederung Bessarabiens und der Nordbukowina war von Massakern an Juden, die als Sowjetsympathisanten galten, begleitet. In der Überlassung von Transnistrien sah Antonescu die Chance, das Judenproblem durch "Zwangsemigration" zu lösen.

Im Herbst 1951 begannen die Deportationen der jüdischen Bevölkerung der Bukowina, Bessarabiens und zum Teil auch der Moldau nach Transnistrien. Ihr Besitz wurde enteignet, "rumänisiert" - der Nationalist Antonescu brauchte dazu nicht den Arierwahn der Nazis. Die Verhältnisse in den transnistrischen Lagern waren katastrophal, wenn auch nicht mit der perfekten Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz zu vergleichen. Der Schriftsteller Norman Manea, als Kind selbst ein Opfer dieser "Umsiedlung", gibt den Anteil der ums Leben gekommenen Deportierten mit rund 50 Prozent an. Die Juden in der Walachei und in dem Rumänien verbliebenen Teil Siebenbürgens wurden materiell schwer belastet, blieben aber (zum Unterschied von den Juden im ungarisch gewordenen Nord-Siebenbürgen) von einer Auslieferung an die Strategen der "Endlösung" weitgehend verschont.

Im November 1941 hatten rumänische Elitetruppen unter dem Paris nachempfundenen Triumphbogen in Bukarest eine Siegesparade abgehalten, die Bevölkerung freute sich über die Rückgewinnung der östlichen Gebiete, und Antonescu, der sich zum Marschall ernennen ließ, fühlte sich durch vage Andeutungen Hitlers in der Hoffnung bestärkt, durch bedingungslose Loyalität nach dem "Endsieg" auch eine Revision des schmerzlichen "Wiener Schiedsspruchs" durchzusetzen. Nachdem Großbritannien Rumänien den Krieg erklärt hatte und dieses Hitler in der unsinnigen Kriegserklärung an die USA folgte, schlug die Stimmung allmählich um. Entgegen der sich ausbreitenden Kriegsmüdigkeit in Rumänien musste Antonescu die besten ihm verbliebenen Truppen an die Südflanke der Front bei Stalingrad werfen. Hier gelang der angreifenden Roten Armee der erste Durchbruch. Zwei rumänische Armeen wurden aufgerieben. Deutsche Schuldzuweisungen für das Debakel von Stalingrad sind freilich angesichts Hitlers irrwitziger Strategie, die sich an den Symbolwert des Namens dieser Stadt an der Wolga klammerte, unhaltbar.

Die sich immer deutlicher abzeichnende Wende im Kriegsglück ließ rumänische Politiker nach einem Ausweg aus der sich abzeichnenden Katastrophe suchen. Sondierungen über einen Sonderfrieden mit England und Amerika blieben ergebnislos. Im Frühjahr 1944 musste Transnistrien aufgegeben werden, aus Odessa flohen die Rumänen über das Meer. Die Rote Armee stand an den rumänischen Grenzen. Nun schlug die Stunde des 23jährigen Königs Mihal (Michael), der bis dahin in Antonescus Diktatur nur eine Schattenrolle gespielt hatte. Offenbar machte in Bukarest das italienische Beispiel der Entmachtung Mussolinis (1943) Schule. Im Untergrund hatte sich bereits ein "Nationaldemokratischer Block" aus Vertretern der Bauernpartei, der Nationalliberalen, der Sozialdemokraten und der schon seit 1924 verbotenen und im Untergrund mit wenig Erfolg agierenden Kommunisten gebildet. Der König und einige hohe Offiziere sahen in Antonescu das Haupthindernis für eine Rettung aus der militärisch hoffnungslosen Lage. Am 23. August 1944 wurde der Marschall, als er zur Audienz beim König erschien, festgenommen; auch einige andere Regierungsmitglieder wurden verhaftet, und Mihai ernannte den General Sanatescu zum Ministerpräsidenten, die Verfassung von 1923 wurde wiederhergestellt und ein Kabinett aus Vertretern der "Block"-Parteien wurde gebildet. Der wütende Hitler befahl ein Bombardement des Königspalastes und anderer Zentren. Daraufhin vollzog Rumänien den offenen Frontwechsel und erklärte Deutschland den Krieg.

Nach schweren Kämpfen, auch im Erdölgebiet, rückten die Sowjettruppen am 31. August in Bukarest ein. An ihrer Seite besetzten die Rumänen im Herbst Nordsiebenbürgen, während Bessarabien wieder sowjetisch wurde. Ion Antonescu wurde den Russen ausgeliefert, dann 1946 einem rumänischen Gericht überstellt, zum Tode verurteilt und erschossen. Churchill hatte Stalin auf dem berühmten Zettel über die Machtverteilung in Südosteuropa Rumänien zu 90 Prozent als sowjetische Einflusszone zugestanden. Noch war der Krieg nicht zu Ende, als die Sowjetisierung Rumäniens begann.

(DER STANDARD, Print, 31.10./1./2.11.2003)

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    Büste von Ion Antonescu

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