Anmut ist eine Insel

12. Mai 2005, 10:50
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Gut zu Fuß sollten Besucher der Wüsteninsel La Graciosa sein. So lässt sich die kleine Tochter des kanarischen Lanzarote nämlich am schönsten erkunden

Die Brandung auf der Playa de las Conchas hat schon so manchem hoffnungsfrohen Schwimmer den Atem geraubt: Mit gewaltiger Wucht brechen die Meereswogen an dem steil abfallenden Sandstrand, bäumen sich zu meterhoher Gischt auf, begraben Menschen und allfälliges Gerät. Erst im Frühjahr, so erzählt Luis, habe es einem Unvorsichtigen dabei das Schlüsselbein zerschmettert. Die Strandbesucher zieht es dennoch wie magisch in die Fluten: Anlauf durch den goldfarbenen Sand, im richtigen Moment, wenn eine Welle sich ins Meer zurückzieht, "platsch".

Aus dem Wasser wieder hinauskommen ist dann auch nicht so einfach: ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem türkisen Meer an dem langen Strand mit seinen Millionen kleinen Muscheln, vor der Mondkulisse des bräunlich-verbrannten Hinterlandes der Insel La Graciosa. Luis kann solchen Leichtsinn nicht verstehen. "Es gibt eben Strände zum Schwimmen und Strände zum Schauen", kommentiert der 60-jährige Appartementvermieter von seinem Sitz im Jeep hoch oben in den Dünen aus, gleich neben dem Mast mit dem zerfledderten roten Wimpel, der Las Conchas für die Ankommenden als gefährlich ausweist. Dieser Strand mit seinem überwältigenden Karibikflair nach kilometerlanger, staubiger Wüstenpiste gehört für ihn eindeutig in die Kategorie Nummer zwei.

In seinem Jeep transportiert Luis seine Gäste an den Strand; Dienst am Kunden, ein Mal pro Gast und Aufenthalt. Danach ist jeder Besucher der kargen, rund 25 Quadratkilometer großen "Tochter" der kanarischen Insel Lanzarote auf die eigenen Beine angewiesen. Oder auf den eigenen Geldbeutel: Im Naturpark La Graciosa, wo, abgesehen von der Hafenmole, bisher kein Stück Straße betoniert worden ist, gibt es offiziell keinen Autoverkehr. Die Besitzer von Jeeps, die hier als Transportmittel die vor 20 Jahren nach Lanzarote übersiedelten Kamele ersetzen, lassen sich ihre "Taxidienste" gut bezahlen. 18 Euro hin und retour für den fünf Kilometer weiten Weg vom Hauptort Caleta del Sebo nach Las Conchas sind der Normaltarif.

Eva Maldener, Fremdenführerin, Fotografin und Wahl-La-Graciosanerin, sind diese Touristentransporte ein Dorn im Auge. Die Insel mit ihrem Wüstenklima, mit ihrem empfindlichen Ökosystem vertrage keine Dieselabgase, keine Reifenspuren im Sand, betont sie. Zumal hier für Sportliche "alles, jeder Strand, jede Erhebung locker auch zu Fuß zu erreichen ist": 40 Minuten zum "Schwimmstrand" Playa Francesca im Westen von Caleta, eineinviertel Stunden zum nördlichen "Schaustrand" Las Conchas, eine runde Dreiviertelstunde zum - einzigen - Nebenort Pedro Barba im Nordwesten.

Auch das Dazwischen, der hügelige, staubtrockene, sonnenverbrannte, von genügsamen, nur durch Tau getränkten Flechten bewachsene Kern von La Graciosa sei leicht zu erwandern, erläutert die 43-Jährige. Besuchern, die guten Mutes sind, bietet sie einschlägige Touren an (Tel. (0034) 928 84 21 94). Verkehrssprache: Deutsch. Die Deutschen - vor allem jene, die zwischen Oktober und Februar hierher kommen, um zu überwintern - würden überhaupt "alles gern zu Fuß machen", ergänzt Siggi aus München, der in Caleta an zwei Abenden pro Woche die Disko betreibt. Und mit seinem Jeep auch Touristen transportiert.

Für die Kanarier und Spanier - unter den Urlaubern auf La Graciosa die große Mehrheit - ist die Frage der Motorisierung hingegen primär nicht ökologisch. Sondern eine reine Frage der Finanzen, wie für die rund 400 Einheimischen auch, die jeden Jeep, jeden Tropfen Diesel um teures Geld über die Meerenge zwischen der großen und der kleinen Insel herholen müssen. Wie überhaupt alles, was der Mensch zum Leben braucht, nach La Graciosa nur per Fähre gelangt: Nahrungsmittel etwa oder auch Baustoffe.

Die Besiedelung der Insel, die selbst keinerlei Süßwasservorräte birgt, ist ein perpetuierter Sieg der Zivilisation über die Natur. Bis vor 50 Jahren, so erzählt Maldener, machten sich die Inselfrauen mehrmals pro Woche auf, um den von den Männern aus dem Meer geholten Fisch auf Lanzarote gegen Paradeiser, Zwiebeln und Getreide einzutauschen. "Die Männer haben die Frauen frühmorgens über das Meer gerudert. Dort sind die Frauen den Serpentinenweg hinauf auf die Famara-Klippen geklettert. Mit Fisch in Körben auf dem Kopf sind sie zehn, zwölf Kilometer weit in die nächsten Orte marschiert - und am Abend wieder den ganzen Weg zurück", schildert die Fremdenführerin. Heute kommen die Paradeiser wie die Urlauber auf einem Schiff nach La Graciosa, das die schroffen Klippen umrundet.

In Caleta del Sebo haben sich die Bewohnerinnen der weiß getünchten, marokkanisch anmutenden Häuser mit ihren Kachelfassaden an den Dorfstraßen aus Sand aufs Geschäft mit den Touristen verlegt, während die Männer wie gehabt zum Fischen aufs Meer hinausfahren. Dass es der Touristen bisher nicht allzu viele sind, hat der graziösen Insel den Charme der Abgelegenheit bewahrt. (Der Standard/rondo/31/10/2003)

Zudem ist die Insel als Naturpark praktisch autofrei. Von der spröden Schönheit der Graziösen überzeugte sich Irene Brickner
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