Depeschen aus einer Welt der Ungleichzeitigkeiten

30. Oktober 2003, 20:35
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Die Kirche hatte Recht, Galileo Galilei irrte: Natürlich ist die Erde eine flache Scheibe, was sonst? Dieses Bild drängt sich auf, wenn man die Große Karoo, die weite Savanne im Herz Südafrikas, durchfährt. Der Himmel, höher und strahlender als sonst wo auf der Welt, schwebt über dem ebenen Land, das in der Sonne badet. Oder die klösterliche Abgeschiedenheit in der glutroten Sandwüste der Namib, die Vielfalt der Natur im Okavango-Delta, die dunkelgrünen Blättermauern entlang des Kongo-Stroms, die Nebelwände der Virunga-Vulkane, in denen die Berggorillas leben - alles Bilder eines Kontinents voll zeitloser Schönheit und Harmonie.

Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, sie sprühen vor unbeschwerter Lebensfreude, ihr Improvisationstalent grenzt ans Geniale. Sie haben Zeit, wir haben Uhren. Mythenumranktes Afrika, die Wiege der Menschheit.

Die nackten Zahlen zeigen ein anderes Afrika: Der Kontinent ist das unangefochtene Schlusslicht der Weltwirtschaft, sein Anteil am globalen Handel ist auf knapp ein Prozent gesunken. Der Mehrzahl der Länder südlich der Sahara geht es heute schlechter als am Ende der Kolonialära. Drei Viertel der rund 650 Millionen Afrikaner leben in Armut, jedes dritte Kind ist unterernährt. Aids tötet Millionen. Inkompetenz, unfähige und korrupte Eliten verhindern Reformen. Ob diese Entwicklung in Afrika selbst verschuldet oder eine Folge der Kolonialära mit Sklavenhandel und Ausbeutung ist, bleibt umstritten.

Bartholomäus "Bartl" Grill, Afrika-Korrespondent der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit sowie langjähriger Mitarbeiter von Geo und DER STANDARD, geht diesen Widersprüchlichkeiten in seinem Buch Ach, Afrika. Berichte aus dem Inneren eines Kontinents nach. Mehr als zehn Jahre lebt der Journalist nun schon mit seiner Familie in Südafrika. Die ersten Jahre wohnten sie in Johannesburg, übersiedelten aber wegen der explodierenden Kriminalität nach Kapstadt. Zahllose Reisen führten ihn kreuz und quer über den Kontinent, Grill erlebte meist mit, worüber andere aus sicherer Entfernung später ausführlich theoretisierten.

Aber alle Versuche, Afrika mit afrikanischen Augen, "von innen heraus", zu sehen, scheiterten. Man hat eben nur seine europäischen Augen, den europäischen Blick, meint Grill. Dennoch hat Afrika mit der Zeit auf ihn abgefärbt. Der Bayer ist langsam ein bisschen zum Schwarzen geworden, der in der Haut eines Weißen steckt. Sein Buch ist ein Extrakt seiner Reportagen - und einige Passagen könnten aus der Feder von Ryszard Kapuscinski, dem weltbekannten Journalisten und Afrika-Spezialisten, stammen (was eine unerhörte, aber verdiente Auszeichnung ist).

Es ist vielleicht die bayrische Unbestechlichkeit gepaart mit alpiner Sturheit, die Grill den Finger auf unbequeme Tatsachen legen lässt, die Afrophile in Europa und den USA nicht so gerne hören wollen. Korruption, Nepotismus, Ignoranz, die starren sozialen und politischen Hierarchien mit den mächtigen "Big Men" an der Spitze, diese Erscheinungen geißelt Grill mit Elan und Ausdauer.

Aber mit der gleichen Hingabe beschreibt der Autor die Ungerechtigkeiten und die Benachteiligungen, denen Schwarze durch die weiße Dominanz bei Besitz und Kapital immer noch wie selbstverständlich ausgesetzt sind. An etlichen Beispielen dokumentiert Grill afrikanische Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne und kommt zu dem Schluss, dass die Modernisierung Afrikas scheitern muss, weil sich die Menschen ihr verweigern. Sie können mit unseren westlichen Werten, die wir so gerne exportieren wollen, wenig anfangen.

Dagegen könnte man einwenden, dass die Modernisierung in Afrika eben oft eigenwillige, für uns schwer erkennbare Formen annimmt. So kann man im ugandisch-kongolesischen Grenzgebiet, mitten im hintersten Afrika also, derStandard.at drahtlos mittels Nokia-Communicator lesen, wenn man es sich leisten kann. So gut sind die Mobilfunknetze. Von einer flächendeckenden Trinkwasser- oder Stromversorgung für die breite Bevölkerung ist man jedoch dort noch meilenweit entfernt. Gilt das jetzt als Modernisierung oder nicht?

Ein eigenes Kapitel ist dem Völkermord in Ruanda gewidmet, der wegen der kaltblütigen Perfektion der Täter eine Zäsur in der afrikanischen Geschichte darstellt. Erstmals kamen 1994 Nazi-Methoden in Afrika zur Anwendung, wochenlang zogen Todesschwadronen durch das Land und massakrierten Volksfeinde mit Prügeln und Macheten, es war der Versuch einer "Endlösung". Trotzdem gebe es keine "negroide Sonderform der Grausamkeit". Es zeige sich, wie "dünn die Membran der Zivilisation" ist, schreibt Grill und spannt den Bogen von Auschwitz über My Lai und Srebrenica bis zu den Stätten der Massaker in Ruanda.

Es zeichnet Grill aus, dass er bereit ist, Fehleinschätzungen zuzugeben. Er bleibt kritisch gegenüber den Mechanismen der Medien, die scheinbar unvermeidlich in Stereotypen und Klischees Ausdruck finden. Der Autor erklärt Zusammenhänge, er gibt die Möglichkeit, afrikanische Probleme in ihrem Facettenreichtum zu nachzuvollziehen. Grill tut dies mit Gefühl und der ihm eigenen Sprachgewalt. Und man merkt, er liebt den Kontinent. []

Bartholomäus Grill, Ach, Afrika. Berichte aus dem
Inneren des Kontinents. € 24,-/384 Seiten. Siedler,
Berlin 2003.

Bartholomäus Grill erklärt in seinem Afrika-Buch Zusammenhänge und legt provozierende Thesen vor Von Gerhard Plott
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