Bei Bedarf Trauer via Internet

30. Oktober 2003, 20:35
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Claudia Koreimann

Vis-à-vis vom Annabichler Friedhof in Klagenfurt steht ein hell beleuchteter, moderner Glasbetonbau, Sitz von Pax. Trotz der nächtlichen Stunde öffnet Gerhard Bajzek, einer der zwei Geschäftsführer, und führt in die große Eingangshalle. Helle Böden, klare Formen, viele Glasflächen und ein mächtiger Ficus, der aus dem Untergeschoß emporwächst, fallen ins Auge. Eine kleine Kinderecke mit bunten Plastikstühlchen lässt fast Gemütlichkeit aufkommen.

Bajzek führt durch sein Reich. Aufnahmebüros für Todesfälle sind durch eine Glaswand von der Vorhalle getrennt, davor verschiedene Regale mit Steinmusterquadraten, Kerzen, Rosenkränzen und CDs. Hier ist auch die Steinskulptur "Twister", der Kärntner Werbepreis, den das Unternehmen 2000 bekam. Und neben der Eingangstür liegt eine Innovation der Kärntner Firma LMS Metall- und Stahlbautechnik: das "Silent Book", ein Metallbuch mit beweglichen Metallseiten, die von Verstorbenen berichten, die am Grabstein keinen Platz mehr finden.

"Damals wie heute", sagt Bajzek, "versuchen wir, außergewöhnliche Serviceleistungen anzubieten. Wir verlängerten zum Beispiel die Aufbahrungszeiten von 16 auf bis 20 Uhr, damit auch Berufstätige Abschied nehmen können. Damit und durch Empfehlungen konnten wir in den Städten, in denen wir tätig sind, unseren Marktanteil ausbauen. Wir liegen nun bei 35 bis 40 Prozent in Klagenfurt." Neben Klagenfurt hat Pax zwei weitere Filialen in Wien und Graz mit insgesamt 25 Mitarbeitern sowie etlichen Teilzeitbeschäftigten. Es gibt keine Begräbnisklassen - bei Pax bekomme jeder die gleiche Grundqualität, und das seit 2001 sogar zertifiziert nach ISO 9001:2000, freiwillig, bitte sehr. "Am Anfang, 1998, haben uns viele Bestattungen belächelt", sagt der Bestatter, "heute bitten uns einige Kollegen schon um Rat. Sogar in Wien wurden bereits einige Bestattungen durchgeführt, obwohl der Standort offiziell noch nicht eröffnet wurde."

Den Bedarf als neuer Bestatter anzumelden war schwierig, denn gestorben wurde in Klagenfurt, und begraben wurden die Toten durch die Bestattung, ein Tochterunternehmen der Stadtwerke. Wie sollte Pax da Bedarf nachweisen? Vor der Gründung in Klagenfurt musste Pax durch drei Instanzenzüge am Verwaltungsgerichtshof. Seit der Gewerberechtsnovelle 2002 reicht ein Befähigungsnachweis aus.

Das Firmengebäude mit drei kleinen und einer großen Aufbahrungshalle sowie Kapelle schuf der Grazer Architekt Manfred Mayer. Eine Treppe führt ins Untergeschoß direkt in einen Raum voller Särge, dunkle und helle aus verschiedenen Hölzern, moderne oder klassisch geformte, ein grüner Sarg mit Klimt-Motiven auf dem Deckel bis hin zum Spitzenmodell aus den USA: ein glänzender Metallsarg mit luxuriösem weißem Innenbett und Vakuumpumpe, zu haben um 4900 Euro.

Im nächsten Raum die Urnen: runde, eckige, aus verschiedenen Metallen, eine mit Anker. Ihr Granulatmantel zerfällt bei Seebestattungen rasch und gibt die Asche dem Meer frei. "Seebestattungen werden ca. zehnmal im Jahr gewünscht," erklärt Gerhard Bajzek, " wir bieten bis hin zur Übernachtung ein Package an. Die Asche wird dann 30 Seemeilen vor der Küste ins Meer gestreut. Binnenseen sind dafür tabu." Weltraumbestattungen, bei denen vier Gramm Asche um ca. 20.000 Euro ins All befördert werden, gibt es auch bei Pax. Bisher schreckte der hohe Preis die zu Verbleichenden ab.

Der Bestatter führt weiter durch seine Unterwelt: offene, halbfertige Särge in allen Größen, ein Transportsarg für Flugzeuge, graue Kästen mit Aufschriften wie Polsterung weiß, Totenhemden einfach zur Rechten. Eine große Tür führt zur Garage mit den Transportern im Pax-silbergrau, das bewusst als Design ausgewählt wurde, bereit zur letzten Fahrt.

Das Kühlhaus daneben birgt die Toten. Es folgt der eigene Obduktionssaal für Unfallopfer, in dem weiße Plastikschürzen an der Wand hängen und ein Chromtisch blitzt. Hier werden auch Muslime nach ihren Begräbnisriten gewaschen, gesalbt und in Tücher gehüllt.

In der Aufbahrungskapelle im Obergeschoß können Bilder des Verstorbenen oder Filme bzw. Videos mit ihm auf die weißen Wände projiziert werden. Wenn jemand zum Begräbnis verhindert ist, kann er es live im Internet verfolgen. "Einmal hatten wir einen Verstorbenen, der ein großer Naturliebhaber war. Wir haben den Boden rund um den Sarg mit Laub bedeckt und Kerzen hineingestellt. Jeder Wunsch ist möglich."

Derzeit gilt in Österreich für Urnen oder Särge Bestattungspflicht. Um Sonderwünsche, sofern rechtzeitig vorgebracht, kann Pax bei den Behörden ansuchen. Der findige Unternehmer will daher auch den "FriedWald" nach Österreich bringen, das sind besondere Wälder, in denen unter einem gekennzeichneten Baum die Asche des Toten in einer leicht zersetzbaren Urne beigesetzt wird. Solche Wälder gibt es bereits in Deutschland und der Schweiz. "Damit könnte auch berücksichtigt werden, dass Angehörigen immer weniger Zeit für die Grabpflege haben."

Die Menschen kommen zu Pax, wenn sie in einer Ausnahmesituation sind. Bajzeks Mitarbeiter sind entsprechend geschult. "Die meisten Kunden wollen das schnell hinter sich bringen", sagt er, "Trauer ist wenig spürbar, wahrscheinlich auch, weil viele den Todesfall noch nicht realisiert haben." Aber immer mehr Kunden, auch junge, legen bereits jetzt ihr Wunschbegräbnis bei uns fest. Ein firmeneigenes Softwareprogramm, das den Microsoft-Kleinunternehmerpreis erhielt, hilft bei diesen Abwicklungen. Die Menschen bezahlen im Voraus. "Fälle, dass ein Hinterbliebener einen Begräbniswert ändert und sich aufgrund der Begräbnispolizze die Differenz auszahlen lässt, gibt es dann nicht mehr", sagt Bajzek.

Auch Öffentlichkeitsarbeit schreibt Pax groß; der Chef veranstaltet Vernissagen und Konzerte, führt Schulklassen durch die Räume. "Einmal war eine Klasse mit schwer erziehbaren Kindern bei uns. Als sie dann in der Aufbahrungshalle saßen, waren sie alle ganz ruhig und aufmerksam."

Er selbst hat kein Problem mit dem schwarzen Gewerbe. "Ich war zwölf Jahre als Maschinenschlosser, Anlagenmonteur und Elektriker im Ausland. Dabei bin ich oft mit Extremsituationen konfrontiert worden." Vor 13 Jahren hat er seine spätere Frau Iris kennen gelernt, nach der Firmengründung haben sie ihr Interesse an dem Gewerbe weiter vertieft. Heute, sagt er, erlebe er, "dass manche Angehörige selbst Jahre später immer wieder zu Veranstaltungen bei Pax kommen. Wichtig ist, den Kunden zuzuhören, ihre Wünsche ernst zu nehmen. Oftmals hören wir hier richtige Lebensbeichten." Der Tod kann kommen, Pax ist gerüstet. []

www.pax.at

Ob Seebestattung, ewiges Kreisen im All oder klassisch unter der Erde: Der letzte Weg will gestaltet sein. Ein Besuch beim privaten Klagenfurter Bestattungsunternehmen Pax
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