Hinter Tränen schauen

30. Oktober 2003, 20:35
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Medizinstudenten erzählten Professor Ulrich Kropiunigg darüber, wie in der Praxis des Spitalalltags mit dem Weinen umgegangen wird. Es sei ein Zwiespalt zu spüren zwischen Zulassen und Unterdrücken. Obwohl Mediziner und auch Pflegepersonal immer wieder an Kreuzungspunkten eines Menschenlebens stehen und enormem Druck ausgesetzt sind, erleben sie wenig Spielraum für Emotionen. Immense gegenseitige Kontrolle herrscht, denn wer Schwäche zeigt, besonders in der Medizin, erleidet einen hohen Imageschaden, bei Kollegen und auch Patienten. Die Gespräche waren Anlass für Kropiuniggs Buch Indianer weinen nicht, das im Frühjahr 2003 im Kösel Verlag erschien.

Claudia Koreimann: Welche Reaktionen hat Ihr Buch ausgelöst?
Ulrich Kropiunigg: Von Ärzten, mehr aber noch von Ärztinnen, habe ich das Feedback bekommen: Endlich jemand, der das Thema aufgreift. Das Buch zeigte ihnen, dass dem Weinen in ihrem Berufsalltag eine bisher ignorierte Bedeutung gegeben werden kann. Sie waren erleichtert, darüber zu lesen, denn gegen das Weinen spürten sie meist Abwehr. Andere empfanden es als Unterstützung, endlich auch offen darüber reden zu können.

Warum ist speziell bei Medizinern das Weinen ein Problem? Krankenschwestern und dem Pflegepersonal ist es laut einer Studie, die sie durchführten, noch eher "erlaubt", Tränen zu zeigen.
Kropiunigg: Das Problem ist nicht so sehr das Weinen, sondern dass den handelnden Personen im Spital kaum Zeit bleibt, einander kennen zu lernen. Unter dem Leistungs- und Erfolgsdruck verblasst der Sinn eines empathischen Gesprächs mit den Patienten. Wenn dann ein Problem, ein Konflikt zwischen Arzt und Patient auftritt, kennen sie einander nicht und wissen nicht, wie miteinander umgehen. Das Weinen ist aber eine ziemlich aufgeladene Emotion, die Deutung erfordert und deshalb verunsichert. Richtig interpretieren kann ich erst, wenn ich die weinenden Personen kenne oder mich auf sie einlasse. Dafür bleibt in einer übertechnisierten und leistungsorientierten Medizin aber wenig Zeit.

Das Weinen kann ich zulassen oder unterdrücken. Jemandem der weint, kann ich helfen oder mich abwenden. Der Umgang damit im Alltag ist nicht nur in der Medizin eine Art Tabu und mit Unsicherheit verbunden, woher kommt das?
Kropiunigg: Weint ein Kind, müssen die Eltern das Warum herausfinden - und darauf hoffentlich komplex reagieren. Dieses Deuten wird im Laufe der Sozialisation zunehmend tabuisiert, weil Weinen auch unangenehme Botschaften vermittelt. Weint jemand aus Trauer, ist das kulturell akzeptiert - aber was ist bei Wut, bei Demütigungen oder bei Krokodilstränen? Mir geht es daher nicht darum, dass jetzt alle weinen lernen, das kann jeder. Es geht um den verborgenen Sinn der Tränen. Bei Opfern von Traumen oder Gewalt z.B. steckt immer ein hoher Anteil an Verdrängtem dahinter. Weinen kann also hier ein Glücksfall sein, weil es auf eine Spur führt, eine Pforte zum Unbewussten ist und damit therapeutischen Wert hat.

Das, was Weinen auslöst, muss also nicht immer damit ursächlich zusammenhängen?
Kropiunigg: Ja, ein Patient von mir beispielsweise weinte immer wieder bei ganz bestimmten Liedtexten, scheinbar grundlos und überzogen. In der Therapie kamen schließlich traumatische, völlig verdrängte Kindheitserlebnisse hervor, die durch die Textzeilen wachgerufen wurden, ohne dass er sie vorerst mit sich in Verbindung brachte. Weinende sollten sich immer fragen: was verdränge ich, was will ich nicht wahrhaben? Aus diesem Grund sind Weinende auch "lästig", weil ihr Weinen durchaus eine Anklage in sich birgt. Die sprichwörtlichen Indianer, die nicht weinen, wurden deshalb zum Erziehungsideal, weil sie die Autorität nicht anklagen und das Disziplinieren daher so leicht machen.

Warum verbindet unsere Gesellschaft das Weinen so sehr mit Schwäche?
Kropiunigg: Menschen werden heute weit weniger aufgrund ihres Geburtsstatus betrachtet, sondern aufgrund ihrer Leistungen. In Tolstois Krieg und Frieden weint die russische Elite hemmungslos. Sie hat ihren Status von Geburt an und braucht daher ihren Verlust nicht zu fürchten. Weint heute jemand, signalisiert er, Hilfe zu brauchen, nicht selbstständig zu sein, denn das gilt in einer Gesellschaft, die Status durch Leistung definiert, als Tabu.

Dieses Interview erscheint zu Allerheiligen. Was verbinden Sie persönlich damit?
Kropiunigg: Ich stamme aus Unterkärnten. Zuerst einmal verbinde ich damit den ersten Schnee, ein gefrorenes Weinen des Himmels sozusagen. Ich sehe Allerheiligen positiv. Ich besuche die lebenden Anverwandten und die Gräber der Verstorbenen. Dort halte ich Zwiesprache mit den Toten. Ich glaube mit meinen toten Verwandten und Freunden im Reinen zu sein, deshalb erlebe ich Grabbesuche auch nicht als belastend. Doch wenn noch etwas unaufgelöst ist mit einem Verstorbenen, dann fließen für viele am Grab noch lange Zeit die Tränen. Nur, aus dem Grab kommt keine Antwort mehr, die muss man in sich selbst suchen.

Wann haben Sie selbst das letzte Mal geweint?
Kropiunigg: Mit meinen zwei Kindern hatte ich unlängst eine Auseinandersetzung wegen meines uncoolen Verhaltens. Auf einmal fühlte ich mich einsam und traurig. Mir wurde klar, sie werden erwachsen und gehen ihre eigenen Wege. Und so waren es mehr stille Tränen über einen partiellen Abschied. []

Der Autor ist Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Wien, Psychotherapeut und Analytiker. Außerdem entwickelte er ein Teamentwicklungsmodell, Teamshaping, und veröffentlichte mehrere Fachbücher. Er lebt mit seiner Frau Edit Schlaffer und seinen beiden Kindern in Wien.

Wenn Achill den Tod seines Freundes beweint, wenn Tolstois Adelige ihren Tränen freien Lauf lassen, dann tun sie das frei und ohne Imageverlust. Wer heute weint, hat zumeist verloren, Platos "Perlen der Seele" werden bei uns nicht toleriert. Ein Gespräch mit Ulrich Kropiunigg
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