Wo der Tod ist, sind wir nicht - Wo der Tod ist, sind wir nicht

30. Oktober 2003, 20:35
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Tod und Unsterblichkeit bilden widerspenstige Themen, deren Theoretisierung durch Erkenntnisgrenzen erschwert wird. Wir können über Tod und Unsterblichkeit nur aus einer externen Perspektive sprechen. Während die meisten Gegenstände kulturhistorischer Forschung - von den Anlässen der "rites de passage" (Geburt, Sexualität, Krankheit) bis zu den technischen und materiellen Objektivationen jeder Kultur - bloß einen relativen Widerstand gegen ihre theoretische Analyse ausüben, bleiben Tod und Unsterblichkeit, die Möglichkeit eines Weiterlebens nach dem Tod, schlechthin opak und undurchdringlich. Der Tod und sein - erhofftes oder gefürchtetes - Danach sind nur von außen bekannt, gestatten keine hermeneutische Annäherung und keine teilnehmende Beobachtung. Tod und Unsterblichkeit können daher nicht leichtfertig als Erkenntnisgegenstände konstituiert werden. Denn was im Sterben geschieht, lässt sich nicht mental repräsentieren; so lautet der notwendig erste Satz, das negative Axiom jeder ernsthaften Rede über Tod und Unsterblichkeit. Alle Vorstellungen scheitern an dem logisch elementaren Problem, dass ein selbstreferenztielles System sein eigenes Ende ebenso wenig widerspruchsfrei konzipieren kann wie seine unendliche Fortdauer. (Heideggers Postulat eines "Seins zum Tode" ist demnach richtig und falsch zugleich, nicht weniger als Freuds Behauptung, unbewusst seien wir alle von unserer Unsterblichkeit überzeugt.)

Epikurs Satz ist unwiderleglich: Wo wir sind, ist kein Tod, und wo der Tod ist, sind wir nicht. Wir können über Tod und Unsterblichkeit nur von außen reden, gerade nicht als Tote oder Unsterbliche. Aber mit dieser Einsicht ist nichts gewonnen; sie verringert nämlich keineswegs den Zwang, eine Antwort zu geben, wo gar keine Antwort gegeben werden kann. Denn in wesentlicher Hinsicht sind Kulturen und Gesellschaften Systeme zur Klärung von Zugehörigkeit; aus Sprache, Aussehen, Abstammung oder Wissen wird - bis heute - abgeleitet, wo wir zu Hause oder nicht zu Hause sind. Krieg, Reise, Flucht, Handel, Einwanderung oder Emigration wurden seit Jahrtausenden durch vielgestaltige Regeln und Gesetze definiert; während im Altertum manchmal die Händler oder Wahrsager eine Stadt am Abend wieder verlassen mussten, brauchen wir gegenwärtig Pässe, Ausweise, Meldezettel oder Visa. Die Frage der Zugehörigkeit wird von zahlreichen Ämtern, permanent und unmerklich oft, gestellt und entschieden - nicht nur in einer horizontalen, sondern auch in einer vertikalen Achse. Denn jede Geburt ist eine Einwanderung, jeder Tod eine Auswanderung; und aus der Perspektive einer Kultur oder Gesellschaft müssen diese Ein- und Auswanderungsprozesse ebenso erfasst, beschrieben und - im Horizont der Frage nach Zugehörigkeit - entschieden werden wie jede Reise oder Übersiedlung. Schon darum kann sich kein soziales System entlasten von der Pflicht, die Fragen nach Geburt und Tod, nach Sterblichkeit oder Unsterblichkeit, auf irgendeine Art und Weise zu beantworten: nicht allein durch Gesetze, mithilfe von Akten und Archiven, sondern auch durch Religionen, Glaubensformen, Kulte, Rituale, Praktiken der Bestattung von Toten und der Erinnerung an sie. (...)

Seit dem Sieg der Aufklärung und ihrer Religionskritik - der Forderung nach einer Trennung von Kirche und Staat, der Kantischen Widerlegung der Gottesbeweise, der Historisierung heiliger, kanonisierter Schriften, insbesondere der Bibel, aber auch der Forderung nach Religionsfreiheit und Toleranz - waren ja die Religionen (zumindest im Einflussbereich west- und mitteleuropäischer Gesellschaften) Fortsetzung auf Seite A 2 links

Wo der Tod ist, sind wir nicht

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aus der Sphäre des Kults in die Sphäre der Kultur abgewandert. Sie hatten sich im Zuge dieser Transformation (die mit der Kategorie "Säkularisierung" nur mangelhaft erfasst wird) aufgespalten: in die rationalen Gestalten einer "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" und in die individualistischen Glaubensformen beliebiger Privatkulte. Darum ist es auch kein Zufall, dass die gesellschaftlich relevanten "Entzauberungs"- und Rationalisierungsprozesse seit dem frühen 19. Jahrhundert von einem Aufschwung esoterischer oder mystischer Bewegungen (zwischen Spiritismus und Monte Verità, Madame Blavatsky und den nordamerikanischen Pfingstgemeinden) begleitet wurden; die Etablierung der "civil religion" (die sich im Wesentlichen auf Humanitätsideale gründet, wie sie exemplarisch in den Erklärungen der Menschenrechte nach der Amerikanischen und der Französischen Revolution formuliert wurden) ermöglichte geradezu die Karriere von zahllosen "private religions", die sich am "Imperativ der Häresie" (nach Peter Berger) orientierten. (...)
Die Frage nach der veränderten symbolischen Bewertung der Lebensgrenzen in der Moderne kann also nicht auf fundamentale Gegenwartskritik und historisierende Verklärungen ehemals "goldener Zeitalter" rekurrieren; es wären vielmehr die Konsequenzen zu diskutieren, die sich aus der steigenden Manipulierbarkeit von Geburt und Tod ergeben. So hat sich das gesellschaftliche Verhältnis zum Tod spürbar verändert, freilich nicht im Sinne der ubiquitären These von einer "Verdrängung des Todes". Der Tod wird heute in gewisser Hinsicht weniger verdrängt als im neuerdings gern zitierten Mittelalter der ars moriendi: Es genügt schon, den Fernsehapparat einzuschalten, um auf denkbar vielfältige Weise von der Sterblichkeit der Menschen Kenntnis zu nehmen. Auf dem ersten Kanal läuft beispielsweise eine Dokumentation über Krieg und Konzentrationslager, auf dem zweiten Kanal wird eine Soap-Serie über Intensivstationen angeboten, auf dem dritten erscheint der Nachrichtensprecher, um die aktuellen Katastrophen, Schlachten oder Unfälle zu kommentieren, auf dem vierten wird ein Kriminalfilm oder Western (mit zahlreichen Toten) ausgestrahlt, auf dem fünften ein Horrorfilm über Vampire und Zombies. Noch in den harmlosesten Produktionen der Disney Company kommen immer wieder Todesfälle vor, die sich ungeschminkt auf die jeweiligen Alltagsrealitäten übertragen lassen. So ist etwa das tapfere Kind, das die Mutter oder den Vater verloren hat, ein beliebter Hollywood-Topos, was beispielsweise meine Tochter dazu brachte, sich gelegentlich besorgt nach meiner Lebensdauer zu erkundigen.

Der Tod - ästhetisches wie philosophisches Thema der Moderne par excellence - wird wohl nicht "verdrängt": ganz im Gegensatz zu den Sterbenden, die häufig einem klinischen Expertensystem anvertraut sind, das dazu neigt, sich im Falle scheiternder Bemühungen von seinen Patienten abzuwenden. Wo der Triumph über den Tod beinahe zum ärztlichen Ethos schlechthin geworden ist, muss die Erfahrung der Niederlage abgewehrt werden. Der Sterbende erscheint als materialisierter Vorwurf; dieser Vorwurf wird ihm gleichsam projektiv zurückgegeben: wer stirbt, hat versagt und verdient keine weitere Aufmerksamkeit. Zu Recht beklagte Norbert Elias die "Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen", die eben den Erfolgsmaximen und nicht den "Kunstfehlern" zeitgenössischer Medizin entspringe. Die klinische Hilflosigkeit, ja, oft genug die unbewusste Wut, die sich im Umgang mit einem Sterbenden einstellen kann, begünstigt freilich eine Praxis, die den "Versager" rasch zum bloßen Mittel neuer Lebenserhaltungsstrategien umfunktioniert, etwa zum "Organspender". Die steigende Manipulierbarkeit der Lebensgrenzen ermöglicht die Einrichtung und strategische Nutzung von "Zuständen" zwischen Leben und Tod, gleichsam die Ausbreitung temporaler "Niemandsländer", die sich von den gefrorenen Embryos bis zu den künstlich am Leben erhaltenen Komatoten erstrecken. In diesen "Niemandsländern" werden die traditionellen Erfahrungen mit den Lebensgrenzen irritiert: Ist das befruchtete Ei in der Tiefkühltruhe tatsächlich "am Leben"? Ist der atmende Mensch mit rosiger Haut und spinalen Muskelreflexen tatsächlich "gestorben"? In ihrer Studie zur Praxis der Organtransplantation berichten Anna Bergmann und Ulrike Baureithel von Krankenhäusern, in denen die so genannten hirntoten "Spender" bei der Organentnahme narkotisiert werden, um nicht durch unerwartete Reaktionen wie Muskelzuckungen, Hautrötungen oder Schweißausbrüche das OP-Personal zu erschrecken. (...)

Die Perspektiven der "Machbarkeit" des Menschen - nämlich der technischen Flexibilisierung von Lebensgrenzen - eröffnen sich in absehbarer Zeit nur für einen Bruchteil der Erdbevölkerung: Die überwältigende Mehrheit der "neuen Fellachen" wird im Sinne eines strukturellen Rassismus von gentechnologischen oder medizinischen Optimierungsstrategien gar nicht erfasst werden. Man muss den gelegentlich auftauchenden Gerüchten von Kindern in den Favelas brasilianischer Großstädte, die als "Transplantationsmaterial" einer "Organmafia" gejagt und umgebracht werden, vielleicht keinen Glauben schenken; man kann auch die Warnungen des Molekulargenetikers Lee J. Silver für übertrieben halten, der eine gentechnologisch initiierte Aufspaltung der Menschheit in "Bioklassen" mit separaten Evolutionen vorausgesagt hat. Aber ganz sicher beschreiben diese Gerüchte und Zukunftsvisionen die mögliche Etablierung einer Elite von "Langlebigen", die ihr symbolisches Kapital gewissermaßen aus ihrem Rang in der Versicherungsstatistik ziehen. Welche Macht- und Wissensordnungen werden sich in einer solchen biomedizinisch diversifizierten Gesellschaft herausbilden? Welche ethischen Maximen werden sich durchsetzen? Und welche Gegenutopien werden den exklusiven Traum von technisch erwirkter Unsterblichkeit erschüttern? []

Thomas Macho ist Kulturwissenschafter an der
Humboldt-Universität in Berlin.

Der vorliegende Text ist die gekürzte Fassung des Vortrags "Religion, Unsterblichkeit und der Glaube an die Wissenschaft", den Macho beim diesjährigen Philosophicum Lech gehalten hat. Er wird im Buch zum Symposium am 20. März 2004 bei Zsolnay erscheinen.

Der Tod wird heute weniger verdrängt als im gern zitierten Mittelalter. Es genügt schon, den Fernsehapparat einzuschalten, um auf denkbar vielfältige Weise von der Sterblichkeit der Menschen Kenntnis zu nehmen. Doch mit welchen ethischen Maximen werden wir den neuen Fragen nach dem Leben und dessen Ende gerecht? Ein Essay des Kulturwissenschafters Thomas Macho
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