Auratische Räume der Komplexität

30. Oktober 2003, 20:35
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György Ligeti beim Festival Wien Modern

Ljubisa Tosic

Wien - In jener fernen Zeit, da Wien Modern bei seiner Geburt das 20. Jahrhundert anhand von Komponistenköpfen zu rekapitulieren begann und Festivalgründer Claudio Abbado noch mitdirigierte, konnte man einen der präsentierten Tonsetzer begeistert über die polyrhythmische Kunst Afrikas referieren hören. Von seinem retrospektiven Charakter (mit den Mitteln der Personalisierung) ist das Festival der Moderne irgendwann abgekommen und wurde zum Ort der auch elektronisch beschallten Gegenwart.

Da es nun aber zu einer konzeptuellen Mixtur aus Personale und Gegenwartsbeschreibung greift, ist es unvermeidlich, György Ligeti, der seit damals an Popularität noch zugelegt hat, einen Schwerpunkt zu widmen. Und somit auch Afrika, wie einst, wieder zum Thema zu machen. Doch diesmal wird Ligeti nicht über Afrika referieren. Man wird die Kunst der Aka-Pygmäen, mit ihrer aus Klanghölzern, Klatschen und Stimmen entstehenden polyphonen Musik, wahrnehmen können und akustisch realisieren, was Ligeti an dieser Kunst der durch rhythmische Überlagerung entstehenden abstrakten Patterns inspirierend fand.

"Was uns bei dieser Musik auffällt", so Ligeti, "ist die wunderbare Kombination von Ordnung und Unordnung, die sich vermischen und so auf einer höheren Ebene zur Ordnung führen." Mutter Afrikas Einfluss auf Ligeti wird man anhand Poème symphonique für 100 Metronome erleben können, wie auch beim Klavierkonzert, das ebenfalls auf den Einfluss afrikanischer Polyrhythmik verweist, die Ligeti zu Beginn der 80er-Jahre aus einer heftigen Schaffenskrise führte.

In eine Krise kann allerdings auch nur einer geraten, der den Anspruch auf musikalisches Neuland nicht aufgibt. Die Abneigung gegen Dogmen und das Autoritäre machte Ligeti zunächst gegen eine ewige Zugehörigkeit zu einer Schule wie die der Seriellen resistent. Allerdings birgt auch das Auffinden eines eigenen Stilweges immer die Gefahr in sich, ein Gefühl der Eingesperrtheit im Selbstzitat entstehen zu lassen, weshalb Ligeti ein Meister der vielen Wendungen wurde.

Ligetis Weg führte ihn über die Aufarbeitung der frühen, romantisch geprägten Moderne zu komplexen Bereichen von Elektronik und Mikropolyphonie (Atmosph`eres), in denen kleine Elemente spinnennetzartig zu auratischen Gebilden verwoben wurden. Hier war das Ganze wirklich mehr als die Summe seiner Teile. Ein anderer Ansatz später bei Aventures: Da steht man vor einem imaginären Theater, vor erstaunlichen vokalen Minidramen - bestehend aus Kunstsprache. Und wiederum anders die 80er-Jahre: Die Begegnung mit afrikanischer Polyrhythmik animiert Ligeti zu einer rhythmisch-metrischen Komplexität, die man auch bei seinen Etüden erlauschen kann.

Es existiert bei aller Komplexität in Ligetis Werk jedoch eine Zugänglichkeit, die ohne kommerzielle Zugeständnisse als unmittelbare Wirkung schlagend wird. Was Wunder, dass Stanley Kubrick Ligetis Musik für seinen Film 2001 - Odyssee im Weltraum einsetzte, ohne sie jedoch ihrer Aura berauben zu können.

Beim heutigen Eröffnungs-
konzert im Konzerthaus spielt das RSO-Wien unter anderem "Atmosphères". Weitere Wien-Modern-Schwerpunkte gelten dem Werk von Jani Christu und Osteuropa.

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