Im Hinterhof der Albtraumfabrik

30. Oktober 2003, 20:35
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"herbst"-Premiere am Freitag: Olga Neuwirths Musiktheater "Lost Highway"

Claus Philipp

Graz - Verwunschene Häuser auf schuld- und blutdurchtränktem Boden; endlose Highways, die ins Nichts führen; Naturdämonen, die in seltsamer Konkurrenz zu Pop-ikonen (blondierte Diven, Rock 'n' Roller) der Gegenwart stehen: Will man den Begriff des (oft hart an der Grenze zum Lachhaften lavierenden) Unheimlichen bei David Lynch überprüfen, dann stößt man sehr schnell auf ein kulturhistorisches Labyrinth, in dem man sich ebenso verirren könnte wie einst der denkwürdige FBI-Agent in Lynchs TV-Serie Twin Peaks.

Die Horror-Film-noir-Farce Lost Highway zum Beispiel, an die sich nun die österreichische Komponistin Olga Neuwirth gemeinsam mit Elfriede Jelinek heranwagte:

Von ihren Albtraumszenarien, in denen biedere Durchschnittsbürger perverse Doppelgänger gebären, wäre es nicht weit zu den einschlägigen klaustrophoben Szenarien in Short Storys von Algernon Blackwood (Das unheimliche Haus) oder Edgar Allan Poe (Der Untergang des Hauses Usher) - und von dort könnte man durchaus auch im Sinne des von Neuwirth/Jelinek konzipierten Musiktheaters zurückgehen in einschlägige deutsche Traditionen, die Poe sehr verehrt hat, etwa die unheimlichen Geschichten eines E.T.A. Hoffmann: War es Gerard Mortier, der seinerseits einmal angeregt hatte, Lynch möge Hoffmanns Erzählungen inszenieren?

Eine andere mehrspurige Abzweigung vom Lost Highway führt direkt zu den Wurzeln der Hard-Boiled-Novel, dem Genre der billigen, harten Sex-and-Crime-Romane, das in den letzten Jahren vom Thrillerautor James Ellroy (Hügel der Selbstmörder) zur Vollendung geführt wurde: Die eingekoksten, sexbesessenen Detectives, die in seinen und anderen Büchern über die dunklen Seiten der Traumfabrik-Metropole Los Angeles Fälle aufklären. Ihre Albträume könnten vortreffliche Drehbuchvorlagen für David Lynch abgeben.

Besonders evident wurde dies im jüngsten Film des US-Regisseurs und Multimedia-Künstlers, Mulholland Drive, in dem sich praktisch gar nichts mehr auflöst. Irgendwie hängen alle in einer Endlosschleife aus Gewalt- und Kunstfantasien fest. Und es gibt in diesem Film auch eine Szene, die man assoziativ besonders eng mit den opernhaften Möglichkeiten des Lynch-Kinos verbinden mag; der STANDARD-Kritiker beschrieb sie einst nach der Premiere in Cannes so:

"Los Angeles, zwei Stunden nach Mitternacht. Auf der Bühne eines gespenstisch verfallenen Varietétheaters gibt ein dämonischer Magier eine große Desillusion zum Besten: ,Alle herrlichen Instrumente, die Sie hier hören, kommen vom Band. Nichts ist echt. Und jetzt, liebes Publikum, genießen Sie eine große Sängerin!' Eine verblühende mexikanische Schönheit tritt ans Mikrofon, und binnen Sekunden ist keine Rede mehr von Fälschungen und Täuschungen. Ohne Musikbegleitung singt sie Roy Orbisons Pop-arie Crying, reißt zu Tränen hin und - bricht zusammen. Aber das Band mit ihrer Stimme spielt weiter, während sie hinausgetragen wird . . ."

Laut Olga Neuwirths Ausführungen zu Lost Highway geht es in ihrer Oper exakt um dieselben Risse: Zwischen lebendigen und zugespielten Stimmen, realen und geträumten Räumen, eine Angst vor dem Verstummen (obwohl: "Schweigen ist Macht"), Körper, die sich in Angst- oder Hassaufwallungen selbst malträtieren, auflösen, mutieren.

Am Samstag hat Lost Highway, inszeniert von Joachim Schlömer beim steirischen herbst in Kooperation mit Graz 2003, Premiere. In der Helmut-List-Halle wird man verfolgen können, inwiefern das Theater Herausforderungen aus den Echoräumen des Kinos wahrzunehmen weiß. David Lynchs Koautor, der auch durch Vorlagen wie Wild at Heart berühmte Kultromancier Barry Gifford, wird persönlich anwesend sein. Man darf gespannt sein . . .

Weitere Aufführungen am
am 1., 6., 7. und 8. 11., jeweils
um 20.00 Uhr

Diese Serie erscheint mit
finanzieller Unterstützung
von Graz 2003
.
Redaktion: Thomas Trenkler

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