Schäferstündchen

26. April 2005, 12:59
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Stundenhotels: In Japan sind sie gesellschaftlich akzeptiert, bei uns haftet ihnen ein zwiespältiger Ruf an

Über Stundenhotels spricht man nicht. Dabei hatte die ursprüngliche Bestimmung nichts Anstößiges. Bis zum Ende der Monarchie gab es eigene Konzessionen für Stundenhotels und die Gäste kamen wirklich nur, um sich - nach einem 12-Stunden-Arbeitstag - uneingeschränkt ihrem wohlverdienten Schlaf zu widmen. Heute denkt in diesem Zusammenhang niemand mehr ans Schlafen - allerhöchstens ans Miteinanderschlafen. Im Gegensatz zu unserer Kultur ist in Japan der Besuch eines Stundenhotels gesellschaftlich akzeptiert. Das "rabu hoteru" versteckt sich nicht in einer Seitenstraße, sondern ist aufgrund seiner ausgefallenen Architektur von weitem erkennbar. Vor dem Eingang sind die Preise angeschrieben. Allein in Tokio gibt es 4000 dieser Love-Hotels. In Österreich ist das klassische Stundenhotel, wo er mit ihr und sie mit ihm hingeht, hingegen rar. Nur Wien ist anders. In den Bundesländern hätten mein Mittester und ich mit professionell begleiteten Schäferstündchen vorlieb nehmen müssen.

Die Kriterien

Jedes Stundenhotel wurde nach den Kriterien Ambiente (A), Preis/Leistung (P), Service (S), Reservierung & Empfang (R), Kuschelfaktor (K) und Zusatzgoodies (Z) getestet. Unter Reservierung & Empfang finden sich Reservierungsdauer und Diskretion an der Rezeption. Positiv beurteilt wurden jene Betreiber, die zurückhaltend freundlich bis neutral waren, bei denen keine Vorreservierung notwendig ist und die Identität nicht geprüft wird. In das Ambiente haben wir eine ganze Eindruckspalette hineingepackt, so den Ersteindruck beim Betreten des Hotels, Zimmer- und Badgestaltung, Geruch, Güte des Hauptmöbels, Beleuchtung sowie die "Verschwiegenheit" der Wände.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis definiert sich hingegen ausschließlich über das Verhältnis Preis und Anzahl der maximal zur Verfügung stehenden Stunden. Beim Service wurden Getränkeangebot, Snacks, Zimmerzustellung und Badezimmerutensilien bewertet, während die Zusatzgoodies all jene Angebote beinhalten, die über ein durchschnittliches Hotelangebot hinausgehen wie etwa Whirlpool, Videoangebote und vieles mehr. Obwohl Stundenhotels den Ruf haben, nur für die eine Sache da zu sein, war uns die Kategorie "Kuschelfaktor" unabkömmlich.

Die Ergebnisse

Hotel Zirkusgasse 2., Zirkusgasse 17, täglich 0-24 Uhr, Preis (DZ): 1. Stunde € 16,-, 2. Stunde € 24,-, ab 3 Stunden € 33,-. Genau so habe ich mir "das Stundenhotel" früher vorgestellt: ein vergilbtes Schild "Hotel", ein Tisch als Rezeption, ein wenig auskunftsfreudiger Rezeptionist "Wenn S' a Luxushotel wolln, müssen S' woanders hin." Ganz wienerischer Charmeur formuliert er es deutlich "Wir sind ein Stundenhotel" - und das bedeutet: Alles ist funktional, zweckdienlich, die Bettwäsche sauber, aber löchrig, das Licht grell, das Bett ein wenig mitteilungsbedürftig, die Putzfrau manchmal ein wenig abgelenkt, die Räume neu renoviert und mit Möbeln befüllt, ein angebrochenes Duschgel im Badezimmer, keine Kondome ... Service gibt's keines. Aber wer braucht das schon alles in einem Stundenhotel? A: 4, P: 1, S: 5, R: 3, K: 5, Z: 5, G: 3,8.

Hotel Auhof 13., Auhofstraße 205, täglich 0-24 Uhr, Preis (DZ): € 33,50 bis 38,50. Dauer: 3 Stunden. Sieht ein bisschen aus wie Omas Schlafzimmer - allerdings war die keine Kettenraucherin. Linoleumboden, groß gemusterte Tapeten, ein kariertes Tischtuch, ein Pferdebild, ein anderes mit blühendem Obstbaum und ein Bett, dass großen Leidenschaften nicht mehr lange standhalten wird. Die Getränke werden an der Rezeption abgeholt. Seife gab's nur auf Anfrage. Das Haus verströmt den Charme einer alt gewordenen Jugendherberge, die sich noch immer um ihre Stammgäste kümmert. Stundenhotel-Premieren, die vielleicht einer gewissen Romantik bedürfen, sollten eher verlegt werden. Nur für Geübte in diesem Genre. A: 5, P: 2, S: 3, R: 1, K: 5, Z: 5, G: 3,5.

Hotel Thalia 16., Thaliastraße 56, täglich 0-24 Uhr, Preis (DZ): € 36,-. Dauer: 4 Stunden. Das Thalia Hotel hat eine Gemeinsamkeit mit vielen Internetportalen: Sie versprechen mehr, als das Dahinter halten kann. Saubere, aber abgewohnte Zimmer, wo die "Zigaretten danach" ihre Markierungen hinterlassen, ein kleiner gekippter Spiegel an der Wand, eingebaute Duschen und hellhörige Wände, die am Weg zum geschlechterverbindenden WC leidenschaftliche Geschichten erzählen. Getränke, Gläser, Seife samt Hair-&-Body-Duschgel werden an der Rezeption zum Mitnehmen gereicht, was uns beim Aufsperren des Zimmers einiges an Geschicklichkeit abverlangt hat. Kondome sicherheitshalber selbst mitbringen. Ideal für "Eilige". A: 4, P: 2, S: 3, R: 1, K: 4, Z: 5, G: 3,2.

Goldene Spinne 3., Linke Bahngasse 1a, täglich 0-24 Uhr, Preis (DZ): € 58,-/€ 71,- (mit Whirlpool), Dauer: 6 Stunden. Fast ein Hotel wie jedes andere. Modern, hell, sehr sauber und kühl. Dauergäste und Gäste für ein paar Stunden wohnen hier nebeneinander. Auch die Güte und Auswahl der Getränke entsprechen den Anforderungen eines guten Mittelklassehotels. Fast ein bisschen langweilig - wären da nicht die beiden Räume mit dem rustikalen Himmelbett samt kitschigem, dem küssenden Trachtenpärchen und der Spiegelwand. Ein kleines, aber feines Nestchen zum Zurückziehen, das mit seinen warmen Farben und Schummerlicht Wohnzimmeratmosphäre verbreitet. Das angebotene einschlägige Video hat sich uns trotz der geforderten Ein-Euro-Münze standhaft verweigert. A: 2, P: 1, S: 1, R: 1, K: 2, Z: 3; G: 1,7.

Hotel Orient 1., Tiefer Graben 30-32, täglich 0-24 Uhr, Preis (DZ): € 52,- bis 77,-. Dauer: 3 Stunden. Luxuriös, lasziv, geheimnisvoll. Das Orient hat einfach das gewisse Etwas. Hier ist nichts zufällig und nichts überflüssig. Dunkle Trauben zum Rotwein, üppige Badewannen, Jugendstilleuchter, samtbezogene Sessel und Sitzbänke, Spiegelflächen, schwere Farben und Vorhänge - die Fülle der Details macht Lust zum Entdecken. Beinahe jedes Gemach hat einen Namen und eine eigene Persönlichkeit. Im Engerl-Bengerl-Zimmer etwa tummeln sich Putten hinter vergoldeten Rahmen und über der Badewanne. Spätestens wenn der rote Vorhang des Himmelbettes in der Kaisersuite fällt, wird klar, hier wird ein Liebesnest de luxe geboten. Kuschelfaktor inklusive. Für diesen Ort sind drei Stunden eindeutig zu wenig. A: 1, P: 3, S: 1, R: 1, K: 1, Z: 1, G: 1,3. (Der Standard, Printausgabe 18.10.2003)

Die Autorin ist Redakteurin und hat endlich einen offiziellen Grund gefunden, ihrer Neugierde freien Lauf zu lassen.

*) Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.

Monika Sperber über das Wiener Angebot an Stundenhotels, Kuschelfaktoren und Preis-Leistungs-Verhältnisse.
  • Aus dem Bildband "Hotel Orient" von Sylvie Blum (€ 61,60, Edition Braus, Text von Ernst Molden)

    Aus dem Bildband "Hotel Orient" von Sylvie Blum (€ 61,60, Edition Braus, Text von Ernst Molden)

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