Die Geister, die er nicht rief

11. Dezember 2003, 19:19
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Konzept ohne Theater am Grat zwischen Freiheitskampf und Extremismus: "1914. Eine Enthüllung" im Schauspielhaus

Wien - Im Wiener Schauspielhaus war es an der Zeit, die wackere Bühnentechnik herzuzeigen. Bei der Kurbelschau am Dienstag hat man auch gleich das sterbende Gehirn des Sarajevo-Mörders Gavrilo Princip (Nikolaus Benda) mitgelüftet. Sein Attentat vom 28. Juni 1914, bei dem der Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie starben, und welches bekanntlich den 1. Weltkrieg ausgelöst hat, wird hier zu einem österreichischen Urbild des Terrorismus erhoben. Laut Programmheft wollte man mit 1914. Eine Enthüllung den Grat zwischen Freiheitskampf und Extremismus ausloten. Aber zunächst beginnt alles beim rechten Lot der Bühnenplatte:

Wie eine Schädeldecke zieht man einen Teil des Bühnenbodens hoch. Die Gedankensplitter des inhaftierten Revolutionärs setzen damit begehbare Erinnerungsräume (mit mobiler Zwischendecke) frei. Aus dem Tiefdunkel oder Gespenstergrau des Bühnenrandes treten diese Erinnyen des im Lichtkegel sitzenden Princip hervor und hauchen den ringsum postierten Kameras drohend ihren Todesatem ein: der Untersuchungsrichter, der Polizeichef, der Gerichtspräsident, Danilo Ilic, der eigentliche Drahtzieher des Mordes - wechselweise dargestellt von Barbara Horvath, Werner Fritz, Christoph Künzler und Martina Spitzer. Letztere serviert uns als Kaiserin Zita zum Tee auch noch ihre schöne, sonore Traumstimme. Die Bilder multiplizieren und überlagern sich dann nochmals auf den sechs in den Bühnenraum ragenden Fernsehgeräten.

Und weil die Argumente für den Nationalisten immer enger werden, geht auch die angehobene Deckenplatte immer weiter runter (Bühne: Ralph Zeger). Tief im Inneren dieses technoiden Abends, zu dem Aida Karic den Text verfasste, entdeckt man schließlich das billige Gerichtsdrama eines sozialen Härtefalls: Gavrilo ("Ich hatte keine Zeit, jung zu sein") Princip!

Das statuarische Spiel, das sphärische Licht, die aus dem bedrohlichen Fach kommende, eigens von Wolfgang Schlögl (sofa surfers) komponierte Musik sind die konstituierenden Elemente dieses Stücks Theaterdesigns. Vor lauter Konzept aber gibt es kein Theater mehr.
(DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2003)

Von
Margarete Affenzeller

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schauspielhaus.at
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    foto: schauspielhaus
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