"Ein Bienenstich für einen Grizzlybären"

30. Oktober 2003, 19:52
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US-Politologe Barber im STANDARD-Gespräch über die Folgen des 11. September, Bushs Fehler und die kommenden Präsidentschaftswahlen

Wien - Wir beginnen mit einer leichten Frage: Wer wird 2004 US-Präsident? Der amerikanische Starpolitologe Benjamin Barber reagiert zunächst mit Amüsement ("Wenn ich das wirklich wüsste, könnte ich viel Geld verdienen"), dann mit einer Einschätzung, die George W. Bush nicht sehr viel Freude bereiten würde: "Was man sagen kann ist, dass die Wiederwahl von Bush keine ausgemachte Sache mehr ist. Der Krieg gegen den Terror läuft nicht gut, und der Krieg im Irak noch viel schlechter."

Erstmals seit 1968 (Vietnam!) sei die Außenpolitik wieder ein potenziell wahlentscheidender Faktor. Wenn es den Amerikanern nicht gelinge, "als Befreier und nicht als Eroberer angesehen zu werden", werde Bush jedenfalls ernsthafte Schwierigkeiten haben, meint Barber, der am Mittwoch auf Einladung des Renner-Instituts in Wien sein neues Buch "Imperium der Angst - Die USA und die Neuordnung der Welt" (C.H. Beck Verlag) vorstellte. In diesem Buch geht Barber - er hat sich mit seinem Globalisierungsbestseller "Jihad versus McWorld" einen Namen gemacht und war Clinton-Berater - scharf mit der Bush-Administration ins Gericht: Sie habe auf die Herausforderung des 11. 9. 2001 mit den falschen Mitteln reagiert. Vor allem habe sie die Hauptzielsetzung der Terroristen, Angst zu erzeugen, mehr oder weniger unbewusst unterstützt, indem sie selbst am laufenden Band die Angst vor Terror anfachte.

Klima der Furcht

"Die Anschläge waren schrecklich, furchtbar, für jedes einzelne Opfer und seine Angehörigen eine Katastrophe", aber in einem größeren Maßstab gesehen sei der Anschlag nicht mehr gewesen als "ein Bienenstich für einen Grizzlybären", meint Barber. Die Bush-Regierung hätte ebenso sehr darauf setzen können, klassische amerikanische Bürgertugenden zu fördern - Freiheitsliebe, Verteidigungsbereitschaft und den Unwillen, sich äußerem Druck zu beugen.

Paradoxe Anforderungen

Stattdessen habe sie ein Klima der Furcht erzeugt, das im Kampf gegen den Terror nur hinderlich sei. Wenn Barber selbst in der Position wäre, Politik im Irak machen zu können, was würde er tun? "Ich glaube, die Amerikaner müssten viel mehr auf die scheinbar paradoxen Anforderungen eingehen, die der Irak stellt. Wenn ihnen daran liegt, die Demokratie zu fördern, dann sollten sie viel mehr Macht abgeben als sie offenkundig gewillt sind. Wenn Paul Bremer (der US-Verwalter im Irak, Red.) die Entscheidung trifft, die irakische Energiewirtschaft zu privatisieren, dann ist das falsch. Das ist eine Entscheidung, die dem irakischen Volk vorbehalten sein sollte." Die Amerikaner müssten viel mehr auf irakische Sensibilitäten reagieren. "Warum wir Saddams Paläste besetzen und heute US-Soldaten in den Swimmingpools schwimmen, in denen früher Saddams Söhne geschwommen sind, das ist mir nicht verständlich."

Kein Zurück

Dass sich Bush aus wahlstrategischen Gründen kurzfristig dazu entschließen könnte, die US-Truppen einfach aus dem Irak abzuziehen, hält Barber für ausgeschlossen. "Bush hat den Kampf gegen den Terror mit dem Krieg gegen den Irak so stark junktimiert, dass es einfach kein Zurück mehr gibt. Dass er jetzt, nach zwei Jahren, seine Politik plötzlich ändert und sagt ,Ups, tut mir Leid, da haben wir einen Fehler gemacht‘, das ist schlicht unmöglich."

Und wer von den demokratischen Anwärtern hat ernsthafte Chancen bei der Präsidentenwahl? Barber meint, dass ein "Ticket" mit Howard Dean, dem Gouverneur von Vermont als Präsidentschaftskandidaten, und Wesley Clark als seinem Vize eine durchaus Erfolg versprechende Kombination sein könnte.

In Wahrheit freilich liege der Schlüssel für die Präsidentenwahl 2004 bei George W. Bush selbst: "Wenn es ihm nicht gelingt, den Eindruck zu vermitteln, dass er den Kampf um Amerikas Sicherheit gewinnt, dann hat auch ein schwacher demokratischer Kandidat Chancen gegen ihn. Wenn es ihm gelingt, dann würde auch ein starker Demokrat an ihm scheitern." (DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2003)

von Christoph Winder
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    Der 11.September war für die Vereinigten Staaten nicht mehr als ein Bienenstich für einen Grizzly, meint der Politologe Benjamin Barber

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